Das mache ich jetzt alles mit links...
Tja und genau so ist es auch. Dieser Artikel wird sich beschäftigen mit den Dingen, die man als Radfahrer in aber vor allem um Grenoble beherzigen sollte.
Zunächst: Fahrt nur auf Radwegen an Straßen, die breit sind, die stark befahren sind und deren Berandung sehr gut zu erkennen ist. Fahrt niemals auf Straßen, wo sich ein Beamter gedacht hat:
Die Antwort: Ganz einfach, man stellt ca. 15cm hohe Betonsteine auf die Begrenzungslinie. Da macht sich jeder die Felgen kaputt, wenn er versucht, da zu parken.
Das allein wäre aber viiiiiel zu einfach, denn: Camouflage ist nicht umsonst ein französisches Wort. Camouflage, die Kunst der Tarnung. Und genau das haben sie gemacht: Statt diese, nicht nur für Autofelgen schicksalhaften Betonsteine zu tarnen, werden sie in derselben Warnfarbe gehalten, wie die Linie, auf der sie liegen: Weiß!
Gut, auch das ist im ersten Moment logisch. Denn was macht ein Autofahrer, wenn er nachts versucht, auf dem Radweg zu parken? Er fährt sich die Felgen kaputt, es sei denn, er kann die weißen Steine sehen.
So und da kommt jetzt der Fehler in der Logik dieses Plans: Der deutsche Studi auf dem Fahrrad -- also ich -- ins Spiel, der noch nie so ein Ding gesehen hat, weil sich die deutschen Beamten zwar Biometrische Überwachungssysteme und lustige Wörter für Baum oder Kuh einfallen lassen, aber nicht so einen Quatsch.
Ich fahre da also, nichts ahnend, als ich plötzlich, vielleicht zwei Meter von dem Ding entfernt bei geschätzten 30 km/h bergab, feststelle: "Ui, das ist aber ein komsicher Stein auf der weißen Linie, ob ich dem wohl noch ausweichen kaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan? SCHEEEEEIIIIISSSSSSE!"
Sprachs und flog davon. Bauchplatscher auf den Asphalt.
Also: Kann ich nur empfehlen! Wem ein Bauchplatscher vom Dreimeterbrett zu lasch ist, der soll das mal probieren. Man wird nichtmal nass dabei. Okay, man kann ca. 2 Minuten nicht richtig atmen, aber das muss es einem wert sein.
Nach weniger als 30 Sekunden (also noch bevor ich wieder richtig atmen konnte) und ca. einem Dutzend Flüchen in verschiedenen Sprachen, war ich der Attraktionspunkt im Dorf.
"Ne bougez pas! Ne bougez pas!" Ich fühlte mich unangenehm an jene unglaublich spannenden Französischstunden in der siebten oder achten Klasse erinnert, wo das Kapitel mit der Skatergeschichte am Tour de Montparnasse anfängt, die endet mit den Worten "Boum! C'est le choc!" und einem "jambe dans le plâtre".
Und jetzt begann das Intensiv-Vokabellernen:
"Ne bougez pas!" - "Nicht bewegen!"
"Je vais appeller les pompiers!" - "Ich rufe einen Krankenwagen!" (les pompiers - Feuerwehr/Rettungsdienst)
"Comment vous vous appellez?" - "Wie heißen Sie?"
"Vous n'avez pas un casque?" - "Haben Sie keinen Helm?"
Ich verneine.
"Vous avez de la chance!" - "Sie haben aber Glück!"
Nach einigem gerenne der Passanten, wird mir ein Regenschirm gegen die Sonne über den Kopf gehalten, was zusammen mit den wiederholten Bekundungen, ruhig liegen zu bleiben, die Dramatik filmreif werden lässt.
Ich wäre an dieser Stelle gern aufgestanden und hätte gesagt, dass alles okay ist (war es ja auch), aber irgendwie ließ sich mein rechter Arm, der Lande-Arm, nicht so recht bewegen. Und über all dem Kribbeln in Armen und Bauch konnte ich den linken zwar bewegen, den rechten aber nicht. Wie sich herausstellte, tat es sogar weh, es zu versuchen. Naaaa Klasse.
Okay. Nach gefühlten Stunden, in Wahrheit aber wohl 10-15 Minuten kamen les pompiers plus la gendarmerie des Ortes an. Und die nun nach und nach eingekehrte Ruhe wird jäh unterbrochen:
"Vous appelez comment?" - "Wie heißen Sie?"
"Avez vous perdu la concience? Avez vous évanoui?" - "Haben Sie das Bewusstsein verloren? Sind Sie ohnmächtig geworden?"
Nein, verdammt, ich kann mich sogar dran erinnern, dass ich gedacht habe "Nicht die Armbanduhr!" als ich auf dem Asphalt landete.
"Quelle heure est-il? Environ? Est-il martin, midi, soir?" - "Wie viel Uhr ist es? Ungefähr? Morgens, mittags, abends?"
Naja, ich antwortete, dass es ca. halb eins sei, dass ich um 11 losgefahren bin und dass es eigentlich ganz gutes Wetter zum radfahren wäre.
"Quel jour est-il?"
Ui! Meine Güte, sowas kann man nen Studenten nicht mal im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte fragen! Verdammt, ich wusste das Datum noch nie! "Il est dimanche." (Es ist Sonntag.)
"Je crois, le sixième." Määäääääääp. Falsch, es war natürlich der siebte September, aber wer hätte das ahnen können. Gut, somit wussten sie also auch, dass ich Student bin.
Nach einer Schnellbehandlung und Mumifizierung meiner Hände und Ellenbogen wurde mir eine Halskrause angelegt. Ich sterbe! Oder bin kurz davor! Bestimmt! Wer eine Halskrause bekommt, stirbt bald. Und mein Arm wurde auch stillgelegt. Ein aufblasbarer Gips für den gesamten Arm. Dumm nur, dass da nix wehtat außer der Schulter.
So, und gleich packen Sie dich in so ein aufblasbares Stabilisierungsding ein, wie die Bergwacht.
Kaum hatte ich es gedacht, standen drei Sanitäter über mir und hoben mich auf ... natürlich ein aufblasbares Stabilisierungsding, pumpten es auf und luden mich auf die Trage.
Naja, auf die Frage, was denn nun wahrscheinlich los sei, ob mein Arm ausgekugelt sei (was war nochmal auskugeln auf Englisch??? Los Arztserien ins Gedächtnis rufen! Ah ja, irgendwas mit dislocation, Dislocation hatte doch der eine Zimmernachbar bei meinem letzten Sportunfall, der so schlimm geschnarcht hat...) kam die Antwort "C'est luxé en français! Mais, oui. Vous êtes transferé dans la Radiologie maintenant pour le verifier." (Das heißt "luxiert" auf französisch! Aber: Ja. Sie werden jetzt in die Radiologie gebracht, um das sicherzustellen."
Puh, Schwein gehabt. Nichts gebrochen, das klingt doch schonmal toll. Und auch kann man sagen, dass die Leute ziemlich nett sind! Und sie fragen immer "Sur une echelle de mésure de 1 à 10, le douleur est 1 pour prèsque rien et 10 pour insupportable." Süß. Eine Schmerzskala. Nicht nach oben offen. Also, auf einer Skala von 1 bis 10, wo 1 heißt, "fast kein Schmerz" und 10 "unerträglich". Na Klasse. Ich witzele herum: "Pour moi c'est une trois virgule cinq." Eine Dreikommafünf. Haha.
Die Fahrt war toll. Superwenige Schlaglöcher, alles schön vorsichtig durchfahren. Fünf Minuten lang.
Dann fängt es plötzlich an zu schaukeln und zu rumpeln, was das Zeug hält. Verdammt, denke ich, sie bringen mich in den Wald und lassen mich da liegen!
"Oui, oui, c'est la rue de l'hôpital." Ja, das ist die Straße zum Krankenhaus. -- Okay. Machen wir mal einen rein hypothetischen Fall auf: Motorradunfall. Ein Motorradfahrer ist an einem fast unsichtbaren Betonstein auf der Straßenmarkierung hängengeblieben und einige Meter weit gefolgen, hat sich dabei das Genick angebrochen. Was wird der jetzt wohl sagen, auf der Straße zum Krankenhaus...?
Na egal, bei mir isses ja nur der Arm. Tut tierisch weh, aber wächst ja alles wieder zusammen. (Nachher bekomme ich von meinem Großcousin -- wenn das die richtige Verwandschaftsbezeichnung ist -- erzählt, dass der Krankenwagen mit Schrittgeschwindigkeit die Straße zum Krankenhaus hochgefahren ist ... vielleicht sollte man die bei Gelegenheit mal neu asphaltieren und mit weißen Betonsteinen ausstaffieren...)
Endlich da.
So und nun wird jeder im Fernsehen aufgebauter Mythos von Notaufnahmen zerstört! Keine hektisch rennenden Sanitäter auf dem Weg mit dem Patienten auf der fahrbaren Trage in die Not-OP. Kein lautes Diskutieren "Unfall?" - "Ja, eine extrocardiale RDNMKP mit retrofraktoralen IPS, ABS und ESP. Wir haben eine ADAC gemacht und anschließend eine LMAA, aber er reagiert nicht." Gut würd ich auch nicht, aber es ist ja auch nicht so in Wirklichkeit. In Wirklichkeit (und das deckt sich mit meinen Erfahrungen in einem Frankfurter Krankenhaus) ist das Personal eher locker.
Zunächst wird mal geschaut, dass aus dem Patienten nix rausläuft (Blut, Gedärme, Gehirn) und dann wird er auf ein Bett gelegt, und in die Radiologie gebracht. Ah und das T-Shirt, das stört auch. Wo ist die Schere? Gut, denke ich, dass ich mich heute morgen gegen das neue und für das alte, mir viel zu enge T-Shirt entschieden habe. Aber vorher: Warten! Und das war das eigentlich schlimme. Denn der Arm fühlte sich schon während der Fahrt überstreckt an, aber auf dem Bett, wo er rechts herunter hing, wurde es nicht gerade besser...
Nach vielleicht einer halben Stunde: Rein in die "Radio", on fait un radio (röntgen), und wieder raus. Da fällt mir auf, dass die Franzosen offenbar dieselben Probleme mit ihrer Sprache haben, wie die armen Schüler in anderen Ländern, die französisch lernen. Aber man hilft sich: Man kürzt alles ab und lässt Wortendungen weg.
Weitere zwanzig Minuten später sitzt ein Arzt vor mir und erklärt mir, dass alles in Ordnung sei "Seulement une luxation, rien n'est cassé." (Nur ausgerenkt, nichts gebrochen.) Und erklärt mir, wie er mir den Arm wieder einrenken will: Ich soll mich auf einen Stuhl setzen und er wird den Rest besorgen. Nicht ganz einfach, aber es geht, ich sitze. Und schon hat er meinen Arm in beiden Händen, zieht ihn nach hinten und drückt beherzt zu. Nichts. Keine Schmerzen. Nur ein lautes "krrrrr, kraaaa, krrrrck", wie wenn man die Fingerknöchel knacken lässt -- nur lauter.
Bevor ich wahrnehmen kann, was gerade passiert ist, packt mich auch schon eine Schwester in eine "corsage d'immobilisation" (eine Armbinde) und erklärt mir (natürlich viel zu schnell), wie man die anlegt. Ich werde es bei Gelegenheit selbst ausprobieren, denke ich bei mir, wahrscheinlich darf ich sie ja als Andenken mitnehmen. Ich bekomme einen roten Zettel, in den ich meine Adresse eintragen soll. Witzig: Rechter Arm gerade in die Schlinge gelegt und unbewegbar gemacht und ich soll meine Adresse aufschreiben. Ja, okay, mal schauen. Jaha. So sah das in der ersten Klasse mal aus. Aber egal, und wieder raus und warten.
Nach einer Weile wird mir noch der eine oder andere Verband abgenommen. Und ein Krankenhausleibchen gegeben. Mein T-Shirt ist in einer tollen, durchsichtigen Plastiktüte gelandet. Zuletzt bekomme ich noch meine Röntgenaufnahmen und darf gehen. Mein Großcousin erzählt mir, dass mein Fahrrad vollkommen intakt ist, bis auf den Rahmen, der nun ca. 2 cm kürzer ist als vorher, und wir fahren zu ihm und seiner Familie.
Und die Moral von der Geschicht':
Ich werde mir, noch von einem neuen Fahrrad einen Fahrradhelm zulegen.
Ich werde die Gemeinde Domène nicht verklagen, aber mal nachfragen, ob man diese Betondinger rot anmalen oder abmontieren kann.
Und ich habe viel über medizinische Begriffe im Französischen gelernt. Schmerzhaft...
Dem Arm gehts inzwischen auch wieder ganz gut. Das einzige, was mich umtreibt, ist dieser verdammte Muskelkater überall!
Zunächst: Fahrt nur auf Radwegen an Straßen, die breit sind, die stark befahren sind und deren Berandung sehr gut zu erkennen ist. Fahrt niemals auf Straßen, wo sich ein Beamter gedacht hat:
"Ooh, wie 'alte isch diese Autofareur dawon aab, da su parken, wo die Fahräädär fahren sollen?"
Die Antwort: Ganz einfach, man stellt ca. 15cm hohe Betonsteine auf die Begrenzungslinie. Da macht sich jeder die Felgen kaputt, wenn er versucht, da zu parken.
Das allein wäre aber viiiiiel zu einfach, denn: Camouflage ist nicht umsonst ein französisches Wort. Camouflage, die Kunst der Tarnung. Und genau das haben sie gemacht: Statt diese, nicht nur für Autofelgen schicksalhaften Betonsteine zu tarnen, werden sie in derselben Warnfarbe gehalten, wie die Linie, auf der sie liegen: Weiß!
Gut, auch das ist im ersten Moment logisch. Denn was macht ein Autofahrer, wenn er nachts versucht, auf dem Radweg zu parken? Er fährt sich die Felgen kaputt, es sei denn, er kann die weißen Steine sehen.
So und da kommt jetzt der Fehler in der Logik dieses Plans: Der deutsche Studi auf dem Fahrrad -- also ich -- ins Spiel, der noch nie so ein Ding gesehen hat, weil sich die deutschen Beamten zwar Biometrische Überwachungssysteme und lustige Wörter für Baum oder Kuh einfallen lassen, aber nicht so einen Quatsch.
Ich fahre da also, nichts ahnend, als ich plötzlich, vielleicht zwei Meter von dem Ding entfernt bei geschätzten 30 km/h bergab, feststelle: "Ui, das ist aber ein komsicher Stein auf der weißen Linie, ob ich dem wohl noch ausweichen kaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan? SCHEEEEEIIIIISSSSSSE!"
Sprachs und flog davon. Bauchplatscher auf den Asphalt.
Also: Kann ich nur empfehlen! Wem ein Bauchplatscher vom Dreimeterbrett zu lasch ist, der soll das mal probieren. Man wird nichtmal nass dabei. Okay, man kann ca. 2 Minuten nicht richtig atmen, aber das muss es einem wert sein.
Nach weniger als 30 Sekunden (also noch bevor ich wieder richtig atmen konnte) und ca. einem Dutzend Flüchen in verschiedenen Sprachen, war ich der Attraktionspunkt im Dorf.
"Ne bougez pas! Ne bougez pas!" Ich fühlte mich unangenehm an jene unglaublich spannenden Französischstunden in der siebten oder achten Klasse erinnert, wo das Kapitel mit der Skatergeschichte am Tour de Montparnasse anfängt, die endet mit den Worten "Boum! C'est le choc!" und einem "jambe dans le plâtre".
Und jetzt begann das Intensiv-Vokabellernen:
"Ne bougez pas!" - "Nicht bewegen!"
"Je vais appeller les pompiers!" - "Ich rufe einen Krankenwagen!" (les pompiers - Feuerwehr/Rettungsdienst)
"Comment vous vous appellez?" - "Wie heißen Sie?"
"Vous n'avez pas un casque?" - "Haben Sie keinen Helm?"
Ich verneine.
"Vous avez de la chance!" - "Sie haben aber Glück!"
Nach einigem gerenne der Passanten, wird mir ein Regenschirm gegen die Sonne über den Kopf gehalten, was zusammen mit den wiederholten Bekundungen, ruhig liegen zu bleiben, die Dramatik filmreif werden lässt.
Ich wäre an dieser Stelle gern aufgestanden und hätte gesagt, dass alles okay ist (war es ja auch), aber irgendwie ließ sich mein rechter Arm, der Lande-Arm, nicht so recht bewegen. Und über all dem Kribbeln in Armen und Bauch konnte ich den linken zwar bewegen, den rechten aber nicht. Wie sich herausstellte, tat es sogar weh, es zu versuchen. Naaaa Klasse.
Okay. Nach gefühlten Stunden, in Wahrheit aber wohl 10-15 Minuten kamen les pompiers plus la gendarmerie des Ortes an. Und die nun nach und nach eingekehrte Ruhe wird jäh unterbrochen:
"Vous appelez comment?" - "Wie heißen Sie?"
"Avez vous perdu la concience? Avez vous évanoui?" - "Haben Sie das Bewusstsein verloren? Sind Sie ohnmächtig geworden?"
Nein, verdammt, ich kann mich sogar dran erinnern, dass ich gedacht habe "Nicht die Armbanduhr!" als ich auf dem Asphalt landete.
"Quelle heure est-il? Environ? Est-il martin, midi, soir?" - "Wie viel Uhr ist es? Ungefähr? Morgens, mittags, abends?"
Naja, ich antwortete, dass es ca. halb eins sei, dass ich um 11 losgefahren bin und dass es eigentlich ganz gutes Wetter zum radfahren wäre.
"Quel jour est-il?"
Ui! Meine Güte, sowas kann man nen Studenten nicht mal im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte fragen! Verdammt, ich wusste das Datum noch nie! "Il est dimanche." (Es ist Sonntag.)
"Je crois, le sixième." Määäääääääp. Falsch, es war natürlich der siebte September, aber wer hätte das ahnen können. Gut, somit wussten sie also auch, dass ich Student bin.
Nach einer Schnellbehandlung und Mumifizierung meiner Hände und Ellenbogen wurde mir eine Halskrause angelegt. Ich sterbe! Oder bin kurz davor! Bestimmt! Wer eine Halskrause bekommt, stirbt bald. Und mein Arm wurde auch stillgelegt. Ein aufblasbarer Gips für den gesamten Arm. Dumm nur, dass da nix wehtat außer der Schulter.
So, und gleich packen Sie dich in so ein aufblasbares Stabilisierungsding ein, wie die Bergwacht.
Kaum hatte ich es gedacht, standen drei Sanitäter über mir und hoben mich auf ... natürlich ein aufblasbares Stabilisierungsding, pumpten es auf und luden mich auf die Trage.
Naja, auf die Frage, was denn nun wahrscheinlich los sei, ob mein Arm ausgekugelt sei (was war nochmal auskugeln auf Englisch??? Los Arztserien ins Gedächtnis rufen! Ah ja, irgendwas mit dislocation, Dislocation hatte doch der eine Zimmernachbar bei meinem letzten Sportunfall, der so schlimm geschnarcht hat...) kam die Antwort "C'est luxé en français! Mais, oui. Vous êtes transferé dans la Radiologie maintenant pour le verifier." (Das heißt "luxiert" auf französisch! Aber: Ja. Sie werden jetzt in die Radiologie gebracht, um das sicherzustellen."
Puh, Schwein gehabt. Nichts gebrochen, das klingt doch schonmal toll. Und auch kann man sagen, dass die Leute ziemlich nett sind! Und sie fragen immer "Sur une echelle de mésure de 1 à 10, le douleur est 1 pour prèsque rien et 10 pour insupportable." Süß. Eine Schmerzskala. Nicht nach oben offen. Also, auf einer Skala von 1 bis 10, wo 1 heißt, "fast kein Schmerz" und 10 "unerträglich". Na Klasse. Ich witzele herum: "Pour moi c'est une trois virgule cinq." Eine Dreikommafünf. Haha.
Die Fahrt war toll. Superwenige Schlaglöcher, alles schön vorsichtig durchfahren. Fünf Minuten lang.
Dann fängt es plötzlich an zu schaukeln und zu rumpeln, was das Zeug hält. Verdammt, denke ich, sie bringen mich in den Wald und lassen mich da liegen!
"Oui, oui, c'est la rue de l'hôpital." Ja, das ist die Straße zum Krankenhaus. -- Okay. Machen wir mal einen rein hypothetischen Fall auf: Motorradunfall. Ein Motorradfahrer ist an einem fast unsichtbaren Betonstein auf der Straßenmarkierung hängengeblieben und einige Meter weit gefolgen, hat sich dabei das Genick angebrochen. Was wird der jetzt wohl sagen, auf der Straße zum Krankenhaus...?
Na egal, bei mir isses ja nur der Arm. Tut tierisch weh, aber wächst ja alles wieder zusammen. (Nachher bekomme ich von meinem Großcousin -- wenn das die richtige Verwandschaftsbezeichnung ist -- erzählt, dass der Krankenwagen mit Schrittgeschwindigkeit die Straße zum Krankenhaus hochgefahren ist ... vielleicht sollte man die bei Gelegenheit mal neu asphaltieren und mit weißen Betonsteinen ausstaffieren...)
Endlich da.
So und nun wird jeder im Fernsehen aufgebauter Mythos von Notaufnahmen zerstört! Keine hektisch rennenden Sanitäter auf dem Weg mit dem Patienten auf der fahrbaren Trage in die Not-OP. Kein lautes Diskutieren "Unfall?" - "Ja, eine extrocardiale RDNMKP mit retrofraktoralen IPS, ABS und ESP. Wir haben eine ADAC gemacht und anschließend eine LMAA, aber er reagiert nicht." Gut würd ich auch nicht, aber es ist ja auch nicht so in Wirklichkeit. In Wirklichkeit (und das deckt sich mit meinen Erfahrungen in einem Frankfurter Krankenhaus) ist das Personal eher locker.
Zunächst wird mal geschaut, dass aus dem Patienten nix rausläuft (Blut, Gedärme, Gehirn) und dann wird er auf ein Bett gelegt, und in die Radiologie gebracht. Ah und das T-Shirt, das stört auch. Wo ist die Schere? Gut, denke ich, dass ich mich heute morgen gegen das neue und für das alte, mir viel zu enge T-Shirt entschieden habe. Aber vorher: Warten! Und das war das eigentlich schlimme. Denn der Arm fühlte sich schon während der Fahrt überstreckt an, aber auf dem Bett, wo er rechts herunter hing, wurde es nicht gerade besser...
Nach vielleicht einer halben Stunde: Rein in die "Radio", on fait un radio (röntgen), und wieder raus. Da fällt mir auf, dass die Franzosen offenbar dieselben Probleme mit ihrer Sprache haben, wie die armen Schüler in anderen Ländern, die französisch lernen. Aber man hilft sich: Man kürzt alles ab und lässt Wortendungen weg.
Weitere zwanzig Minuten später sitzt ein Arzt vor mir und erklärt mir, dass alles in Ordnung sei "Seulement une luxation, rien n'est cassé." (Nur ausgerenkt, nichts gebrochen.) Und erklärt mir, wie er mir den Arm wieder einrenken will: Ich soll mich auf einen Stuhl setzen und er wird den Rest besorgen. Nicht ganz einfach, aber es geht, ich sitze. Und schon hat er meinen Arm in beiden Händen, zieht ihn nach hinten und drückt beherzt zu. Nichts. Keine Schmerzen. Nur ein lautes "krrrrr, kraaaa, krrrrck", wie wenn man die Fingerknöchel knacken lässt -- nur lauter.
Bevor ich wahrnehmen kann, was gerade passiert ist, packt mich auch schon eine Schwester in eine "corsage d'immobilisation" (eine Armbinde) und erklärt mir (natürlich viel zu schnell), wie man die anlegt. Ich werde es bei Gelegenheit selbst ausprobieren, denke ich bei mir, wahrscheinlich darf ich sie ja als Andenken mitnehmen. Ich bekomme einen roten Zettel, in den ich meine Adresse eintragen soll. Witzig: Rechter Arm gerade in die Schlinge gelegt und unbewegbar gemacht und ich soll meine Adresse aufschreiben. Ja, okay, mal schauen. Jaha. So sah das in der ersten Klasse mal aus. Aber egal, und wieder raus und warten.
Nach einer Weile wird mir noch der eine oder andere Verband abgenommen. Und ein Krankenhausleibchen gegeben. Mein T-Shirt ist in einer tollen, durchsichtigen Plastiktüte gelandet. Zuletzt bekomme ich noch meine Röntgenaufnahmen und darf gehen. Mein Großcousin erzählt mir, dass mein Fahrrad vollkommen intakt ist, bis auf den Rahmen, der nun ca. 2 cm kürzer ist als vorher, und wir fahren zu ihm und seiner Familie.
Ungewollte Begradigung der Lenkeraufhängung: Normalerweise hat sie eine Neigung von 10-15° gegen das Lot.
Und die Moral von der Geschicht':
Ich werde mir, noch von einem neuen Fahrrad einen Fahrradhelm zulegen.
Ich werde die Gemeinde Domène nicht verklagen, aber mal nachfragen, ob man diese Betondinger rot anmalen oder abmontieren kann.
Und ich habe viel über medizinische Begriffe im Französischen gelernt. Schmerzhaft...
Dem Arm gehts inzwischen auch wieder ganz gut. Das einzige, was mich umtreibt, ist dieser verdammte Muskelkater überall!


















