Öko-Auto-CO2-Schock

weitersagen
Mmmm, was lese ich da? Die Kanzlerin mit dem beinahe grünen Parteibuch ist in Wirklichkeit gar nicht grün???

Ich bin geschockt! CO2-Einsparungen nur im kleinen? Bei Haushalten, bei den Menschen? Aber nicht bei der Industrie? Hatte die Welt das erwartet? Von einer Kanzlerin, die sich vor Eisbergen im Nordpolarmeer fotografieren lässt? Unmöglich.
Kurzer Rückblick: März 2007. Die Wirtschaft läuft gut, aber das Klima hat Fieber. Ein großer, gefeierter, bejubelter, extatischer, begeisternder und nebenbei vollkommen realistischer Vorschlag: Europa soll machen, äh, naja, was äh, Europa, äh eigentlich schon seit äh so etwa 15 Jahren machen sollte... mmm, 20% weniger CO2, 20% mehr regenerative Energien und das alles bis 2020. Hehe, das entsprach etwa ... äh ... 13 durch 4, eins im Sinn, naja 3 Legeslaturperioden. Also noch weit weg. Viel Zeit, um den Wählern noch mindestens 2009, 2013 und 2017 klarzumachen, dass er die Reißleine ziehen und den Klimaschutz aufgeben muss! Wäre ja auch zu schön, wenn wir die deutsche Wirtschaft aufgeben würden, nur damit irgendwelche Inseln in den nächsten 90 Jahren nicht untergehen.

Und ironischerweise trifft es der vierte Satz eines Info-Videos des EU-Parlaments zum Thema Spritsparen auf den Punkt: "[...] How can we reduce our consumption and greenhouse gas emissions without having to invest in new technology?" Rüschtüsch. "Eco-Driving!" Und auch nett: Der Präsident von Europia, dem Europäischen Raffinerien-Verband, gibt auch tolle Visionen raus: "We in the oil industry would not only improve the efficiency of our own operations, but we believe we have a role to play in making that behavioural change happen among our consumers." Hehe, Klammer auf: Wobei die natürlich weiter fleißig Öl statt andere Rohstoffe verbrennen sollen.

Also: Die Marschrute eines Technologiekontinents ist klar: Bloß nix neues Entwickeln. Never touch a running system! Ganz einfach: Einfach ein bisschen mehr Luft in die Reifen vom Auto, früh vom Gas gehen, die Klimaanlage ausmachen.

Aber es gibt noch andere Möglichkeiten: Jeder Mensch verbraucht aus der eingeatmeten Luft etwa 4 Vol-% Sauerstoff und wandelt sie in CO2 um. Das sind bei 4l in der Minute ca 230 l CO2 am Tag. Wir sind also alle selbst am Klimawandel beteiligt. Wenn die Bevölkerung Europas also einfach weniger Sport treibt und anstrengende Handlungen, wie das Sich-Aufregen über dämliche, von Lobbyisten fehlgeleitete und anschließend von von Wiederwahlängsten zerfressenen Politikern verwässerte Klimaschutzbeschlüsse, unterlassen würden, könnten bei nur 1% weniger Atmen auf diese Weise 230l 500 Mio. Einwohner im EU Raum 1% = 1,15 Mrd. l CO2 am Tag eingespart werden. Das entspricht etwa 3300 Tonnen CO2 am Tag eingespart werden. Das sind 1,2 Mio. Tonnen im Jahr! Wozu dann noch die Autoindustrie oder die Energieversorger fragen?
Der Mensch muss sich halt an den Klimawandel anpassen, nicht die Industrie mit ihrer geradezu lächerlichen 1 Mrd. Tonnen CO2 pro Jahr[1] [2]. Hinzu kommt, dass Privathaushalte genauso viel Energie verbrauchen wie die Industrie. Wer also im Dunkeln atmet oder im Kalten, kann gleich zweimal sparen.

Aber woran liegt es? Wie viele der ungefähr 15+4 Mio. Wähler von CDU/CSU (Quelle Bundeswahlleiter) sind denn Manager der Autoindustrie?

Wenn man sich die Grafiken zum CO2-Ausstoß im Bericht zu den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen des Statistischen Bundesamtes anschaut, scheint zumindest ein Problem klar zu werden: Wer zum Geier versteht die Grafiken denn überhaupt? Eine, die ich verstehe, habe ich hier mal reingestellt.



Und bei einem genauen Blick auf die Grafik kommt schnell die Frage auf: Warum sparen allein die Privathaushalte seit 1995 mehr CO2 ein als alle Produktionsbereiche der Industrie zusammen? Und warum steigt die CO2-Intensität der Strom- und Gasproduktion um 12,9 Mio. Tonnen an, wenn wir doch so viele Windräder und Solaranlagen aufgestellt haben? Und warum zum Geier können sich Ökonomen keine einheitliche Schreibweise für Million (Mio.) und Milliarde (Mrd.) (statt Mill., das auf beides passt) angewöhnen???

Also zurück zur Kanzlerin. Die hat sich tatsächlich "medjenwürksam" für internationalen Klimaschutz stark gemacht. Aber eben international. Wenn es um Klimaschutz geht, werden in diesem Land (wie in wohl allen Ländern) zunächst die Kosten gesehen. Aber statt dieses Thema zum Technologiethema zu machen und Deutschland und Europa zur führenden Technologieregion in den Bereichen Umwelttechnik, regenerativer Energiegewinnung und Energieeffizienz zu machen, werden überkommenen Technologieträgern Geschenke gemacht.

Und das ist, was ich aus den Recherchen ziehe: Andere Länder (zu Recht) in die Pflicht zu nehmen wird gemacht. Aber sobald die 18 Mio. Automobil- und Energieversorgungsmanager in diesem Land, die CDU/CSU gewählt haben, selbst Einsparungen vornehmen müssten und man über ein kohärentes, durchdachtes und langfristig angelegtes Klimaschutzprogramm in Deutschland redet, wird sie weich wie die Sitzpolster ihres Dienstwagens. Das gilt übrigens leider auch für andere deutsche Politiker, denn anscheinend fürchten auch alle FDP- und viele SPD-Wähler um die Gewinne ihrer eigenen Energie-, Öl, Kohle, Auto-, Metall- oder Chemiekonzerne.

Wir sind nun mal eine Industrienation, tönt es da. Tja, wir sind aber auch eine Technologienation und massiv Abhängig von Energieimporten. Wäre es da nicht schlau, sich zu verselbstständigen?

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