Heimfahrt über Umwege oder wie zu viel Schotter der DB zu schaffen macht...
Da könnt ich mich schon wieder aufregen! Meine Güte, was für ein Umstand!
Was ist passiert? Ich packe heut morgen meine Sachen, überprüfe, ob ich für die Heimfahrt auch alles dabei habe. Fahrkarte? Jepp, eingepackt. Carte 12-25? Mmmm, das wird ja wohl die blaue Checkkarte sein, die ich im Portemonnaie habe. Koffer? Klamotten? Bin ich angezogen? Ja, ja, ja, alles klar. Es kann losgehen.
Ich fahre für einen letzten cours an die Uni; eine Englischstunde, ganz weihnachtlich mit Weihnachtsübungsblättern und so. Na gut, danach ins Resto-U und noch schnell was Essen und dann weiter zum gerade mal 500m entfernten Bahnhof. Der perfekte Ferienbeginn.
Auf Gleis F steht er schon bereit, der TGV, ich finde auch meinen Waggon und den Sitzplatz. Dazu sind auch noch zwei andere Studis aus meiner école mit dabei. Perfekt.
Zu perfekt, um genau zu sein, denn mir ist ein Fehler unterlaufen. Nicht dass derselbe Fehler jedem, aber auch jedem Nicht-Franzosen und wahrscheinlich jedem zweiten Erstfahrer mit SNCF auch passieren würde: Ich habe die Carte 12-25 (die "Bahncard" der SNCF) vergessen.
Wie? Wieso? Ist das nicht die blaue Karte? Nein, belehrt mich der Schaffner, das sei nur die Bonuskarte. Äh ja. Mmmm. Das Namensschild des Schaffners verrät mir seinen vollen Namen: Chef du Train. Ein Graf von Zug also. Und was für ein schöner Vorname.
Nein, insistiert er, die Carte 12-25 ist der Lappen, der eigentlich gar nicht wie eine Karte sondern wie ein Billet aussieht. Eben der Lappen, den ich für die Übergangs-Carte-12-25 gehalten und daher daheim gelassen habe. Aber nur da, so erklärt er mir, sei mein Foto drauf. Sonst könnte ja sonstwer die Karte benutzen.
Toll, denke ich, und will spontan die 50 Minuten in Paris dazu nutzen, die Zentrale der SNCF aufzusuchen und dem obersten Chef in den Arsch zu treten, weil sie so nen superdämlichen Blödsinn machen. Da bietet er mir an, den Restbetrag zum vollen Kaufpreis per Kreditkarte (ja, das ist eine Karte) zu begleichen und mir die Differenz dann nachher erstatten zu lassen. Abzüglich 10 € Bearbeitungsgebühr selbstverständlich.
Und dieselbe Prozedur dann nochmal von Paris nach Frankfurt?, frage ich. Das schien ihm ebenfalls selbstverständlich, aber vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden.
Nachdem er gegangen ist und ich mich über das Weihnachtsgeschenk von Minus 49 € und einem Betrag X, der bei der Weiterfahrt noch zu klären sein wird, freue, sehe ich mir die Fahrkarte nochmal an.
Okay, die könnte sonstwer nutzen, wenn da nicht oben rechts mein Name stehen würde. Auch ist auf der Karte eine Kartennummer vermerkt, die Monsieur Chef du Train sicher auch ohne weiteres in seinem tragbaren Fahrkartenautomaten hätte nachschauen können.
Nicht, dass man mich falsch versteht: Benannter Schaffner hat sicher nur Dienstanweisungen ausgeführt und sich vollkommen korrekt verhalten. Und wahrscheinlich konnte er es einfach nicht nachschauen, weil das die Software nicht kann. Aber wieso zum Geier ist denn
eine Bahn-Gesellschaft soooo fürchterlich Umständlich.
Warum muss ich ein 4mm dickes Etui mit mir rumschleppen, wo man ohne weiteres das Foto austauschen kann? Dazu braucht es wirklich nur ein Bastelmesser, etwas Kleber und ein bisschen Geschick! Wozu schicken die mir den Riesenlappen und so ne dämliche Bonuskarte? Selbst der ausgemachte Chaotenladen Deutsche Bahn bekommt es hin, die beiden Funktionen auf einer Karte zu vereinen, oder es jedenfalls so einzurichten, dass man eine Checkkarte und kein Heft mit sich schleppt.
Aber vielleicht reagiere ich über. Zu Weihnachten sollte man auch an andere und nicht immer nur an sich denken. Und ganz offensichtlich werde ich dieses Weihnachten der SNCF 20 € und ganz viele Nerven schenken. Außerdem, das dämmert mir gegen Ende dieses Artikels
dann, ist es in der Denke der Franzosen vielleicht durchaus charmant, sowas anachronistisches wie eine Carte-12-25, selbst gebastelt und aus Papier, sein Eigen zu nennen und mit sich rumzutragen. Immerhin laufen sie ja ohnehin schonmal mit einem Scheckheft herum oder besitzen für die umliegenden 43 Supermärkte jeweils eine eigene Bonuskarte.
Wenn ich jedoch meinerseits einen Wunsch an SNCF richten darf: Leute, macht ne Karte aus dem Papierlappen und verlangt dazu einen Lichtbildausweis (piece d'identité). Und bitte: Geht doch auch mal davon aus, dass in Europa jemand, der nicht so gut Französisch
spricht, auf die Idee kommen könnte, sich als Transitreisender oder ähnliches eine Kundenkarte zuzulegen. Das heißt: Klare Anweisungen! In dem ganzen Papierberg, den ich geschickt bekommen habe, war nicht ein offensichtlicher Hinweis, dass es
sich bei dem Papierlappen um das wichtige Ausweisdokument und bei der himmelblauen Checkkarte um die unwichtige Bonuskarte handelte.
Gut, andererseits gibts auch ein cahier electoral, das man als Wahlberechtigter bekommt. Dort kann man dann, wie beim Bäcker, Abstempeln lassen, wenn man zu Wahl gegangen ist. Es gibt mit jeder Wahlbenachrichtigung ein neues Heft, sodass man es wahrscheinlich nicht vollbekommt. Aber das macht ja nix, man bekommt für 10mal wählengehen auch kein Brot umsonst.
So, das waren jetzt sogar zwei Wünsche an SNCF, deswegen richte ich den dritten Wunsch an die Deutsche Bahn:
Liebe Deutsche Bahn! Es ist zwar doof von euch, wenn ihr die Computernetze eines Konkurrenten (SNCF) hackt. Aber wenn ihr schonmal dabei seid: Kopiert doch mal eure Software für die Verbindungssuche auf deren Systeme. Damit wäre vielen geholfen. Und jetzt bloß nicht überheblich werden: Die TGVs haben wenigstens richtige Achsen.
Vielleicht kann man an dieser Stelle sagen: Das Elend geht weiter. Aber diesmal nicht bei der SNCF sondern beim Pariser Bahnnetzbetreiber beim Umsteigen in den RER Ligne D. Der Plan: Rein in RER D bis Gare du Nord, dort entweder per Metro oder zu Fuß -- es sind nur 800m -- weiter zum Gare de l'Est. Dort dann in den ICE nach Frankfurt am Main.
Ohne Verspätung aber bei mäßigem Wetter fährt der TGV in den Gare de Lyon ein. Die Bahnhöfe in Paris sind letztlich ein Relikt aus alten Zeiten, wie es in Berlin in gemäßigterer Form auch besteht: Zentralbahnhöfe gab es zu der Zeit nicht, man musste am Ankunftsbahnhof (z.B. Gare de Lyon oder in Berlin z.B. Lehrter Bahnhof) in die Kutsche umsteigen und zum Abfahrtsbahnhof zuckeln.
Das ist heute noch fast genauso: Raus aus dem Zug, rein in die Kutsche. Der Unterschied: die Kutsche ist heute elektrisiert, doppelstöckig, ca. 100m lang und heißt RER. Von der Netzstruktur her vielleicht vergleichbar mit den S-Bahnen in Deutschland.
Auf dem Bahnsteig treffe ich wieder auf Cloé und, was ich vorher gar nicht wusste, Barbara. Cloé ist auf dem Weg nach Köln, macht aber einen Abstecher zu ihren Eltern und fährt dann erst weiter. Barbara nimmt den RER Ligne A zu einem anderen Bahnhof.
Unten im RER-Bahnhof angekommen, packt mich das blanke Grausen: Das Ausschilderungssystem ist erstklassig. Zwar ist RER Ligne D überall ausgeschildert, jedoch nach Malherbe, was genau entgegengesetzt meiner gewünschten Reiseroute ist.
Ich haste zum nächsten Plan, von denen es offenbar nur zwei in der ganzen Station zu geben scheint. Dort heißt es, dass ich den RER D nach Chatelet nehmen muss. Doch es gibt keine Schilder.
Nach zehn Minuten des Suchens und einem kurzen Gespräch mit der Polizei probiere ich es einfach mit einem der vier möglichen Gleise. Dort angekommen, stelle ich fest, dass es die Reise auch in informationstechnologischer Hinsicht großartiges offenbart. Ein binärer Gleisanzeiger.
Nicht die grobe Reiseroute und die wichtigsten Haltestellen (wie zuuum Beispiel Gare du Nord) werden angezeigt sondern alle Haltestellen. Und zwar in einer großen Tabelle von etwa einem Quadratmeter. Dort findet man die Haltestellen dann entweder mit einem weißen Punkt versehen oder nicht. Ersteres heißt: Hier wird gehalten.
Ich suche "Gare du Nord" und finde ihn... nach ca 2 Minuten ganz rechts unten. Ist aber auch nicht verwunderlich, denn auf diesem Gleis fährt der Zug normalweise in die Gegenrichtung. Niete gezogen, neu ziehen. Ich gehe auf das Nachbargleis und finde einen stehenden RER D vor. Auf der Tafel suche ich in Windeseile la Gare du Nord und finde ihn, oben links. Die Türen sind bereits dabei, sich zu schließen, als ich hineinspringe. Was dann kommt, kannte ich bereits aus der Pariser Metro: Eine Zugtür in Paris ist erst zu, wenn der Zug rollt. Vorher wird sie mit Zähnen und Klauen aufgeschoben und sich hindurch gequetscht. Arme Tür.
Nach anfänglichen Zweifeln an der Richtigkeit meiner Zugwahl, stelle ich fest: Ja, es ist der Richtige und er hält sogar am Gare du Nord.
Ich steige aus. Was ich sehe, scheint mir ein normaler Bahnhof zu sein. Aber es ist ein Schlauch: Der RER fährt senkrecht zu den Fernverkehrszügen eine Ebene unterirdisch ein und die Fernverkehrszüge fahren eine Ebene über dem Boden aus. Der Bahnhof liegt
offensichtlich auf einem Hügel oder soetwas.
Auch hier das gewohnte Bild: Jede Pupsstraße ist ausgeschildert, aber für das große ganze war kein Platz mehr. Kein Schild, das auf den Gare de l'Est hinweist. Nur Rue de Dunkerque, Rue Saint Denis und la Rue Magenta. Leider konnte ich nicht sehen, ob die Rue Magenta der Telekom gehört...
Auf meine Frage, wo der Gare de l'Est zu finden sei, antwortet mir ein freundlicher SNCF-Mitarbeiter: "Vous allez à gauche, puis tout droit. Après à droite c'est la gare." Also: Links, immer geradeaus und dann rechts. Was er nicht sagt: Durch das Rotlichtviertel. Und überhaupt: "Tout droit" ist Ansichtssache. Die Straße, die geradeaus führt, ist eine kleine Gasse. Wieder kein Schild. Und sie überquert eine Kreuzung mit Insel und fünf Straßen. Auf der Verkehrsinsel: Etwa ein dutzend Mopeds und eine Straßenkarte. Immerhin, hier sehe ich, dass ich richtig bin.
Am Ende der Straße dann die Erlösung: Ein kleines blaues Schild. Schild, denke ich, ich liebe dich. Es zeigt auf das Unübersehbare: Den Gare de l'Est. 24 Gleise, jeder Bahnsteig auf einer Strecke von bestimmt 500m überdacht und das ganze etwa 10 Meter tiefer als die Straße, auf der ich mich nun befinde.
Euphorie überkommt mich: Ich habe es geschafft! Ich habe das Pariser Ungemach der seltsamen Ausschilderung überstanden. Und noch besser: Niemand hat gestreikt. Trotzdem überkommt mich ein seltsames Gefühl beim Betreten des Gare de l'Est, jenes Jugendstilkomplexes, auf den ich von der Straße aus schauen konnte.
Irgendwie kommt es mir zu voll vor. Menschen stehen wie Zombies, bewegungslos, wartend. Und was mich am meisten irritiert, sie stehen nicht zufällig da. Sie stehen um vier große Flachbildschirme. Auf den Flachbildschirmen: Zugnummern, Zeiten, Ankunftsorte. Aber: Keine Gleise. Und da kommt mir die Erleuchtung: Wer verhält sich leicht zombieartig, verharrt und wartet, dass ihm eine Zahl gesagt wird? Bingospieler. Und was machen Bingospieler, wenn sie ein Bingo haben? Sie jubeln. Auf diesen Bahnhof übertragen, konnte das nur eins bedeuten: Sie stürmen zum Gleis.
Doch der Gedanke an Gleisbingo spielende Zombies gefiel mir nicht, und so entschloss ich mich, um nicht aufzufallen und gefressen zu werden, auch auf den Monitoren nach meinem Zug zu schauen. ICE 9557 nach Frankfurt/Main. Was statt der Abfahrtszeit dort stand, gefiel mir jedoch gar nicht: Supprimé. Oder wie man bei der Deutschen Bahn sagt: Zug fällt aus.
Jetzt wurde mir langsam klar, wieso diese Menschen Gleisbingo mit solcher Inbrunst spielten. Ich machte einen "Acceuil" aus, fragte eine komplett in blau gekleidete Dame nach meinem Zug und sie sagte mir, dass ich mich an den anderen Acceuil unter den großen Monitoren wenden solle, die seien für meine Umbuchung verantwortlich.
Moment mal: Umbuchung? Was soll das denn heißen?
Am Acceuil, zwei kleinen Tischen mit einem Riesenstapel Zettel darauf und 6 emsig Suchenden SNCF-Mitarbeitern drumherum, hilft mir dann nach einigen Minuten eine Mitarbeiterin weiter. Eine deutsche Flagge auf ihrem Namensschild verrät, was sie mir auf Nachfrage bestätigte: "Ajn glainäs bi-schen" spreche sie deutsch. Wow, sofort ist sie mir sympatisch. Ich gebe ihr meine Nummer, also die Zugnummer, und auch sie fängt emsig an zu suchen.
Neben mir höre ich einen kleinen, ebenfalls blau gekleideten Mitarbeiter der SNCF auf deutsch erklären, dass das schon seit drei Tagen so ginge: Die ICEs auf der Strecke nach Paris blieben liegen, erklärt er. Kein Ersatz durch DB, kein Ersatz durch SNCF möglich, da sie nicht endlos Züge hätten. Er spricht mit einer älteren Dame und einem untersetzten (nett gesagt), rotgesichtigen Herrn, die wohl beide auf den ICE nach Frankfurt gebucht waren. Ihn nenne ich Strauß, aber nur zum Spaß, weil er mich an Franz Josef Strauß erinnert. Die für ihn vorgesehene Ankunftszeit in Frankfurt: Null Uhr acht.
"On prend ce train, c'est plus vite", sagte plötzlich der Kollege der Mitarbeiterin mit dem süßen Akzent, reichte ihr einen Zettel, strich etwas durch und schrieb etwas hin. Das nenne ich persönlichen Einsatz, und das meine ich ganz ernst. Kein dumpfes "da gibt's nur die eine Verbindung"!
Schnell reichte sie mir den Zettel und erklärt auf französisch (schade :) ), dass ich den TGV nach Karlsruhe nehmen solle, um dann dort in den IC nach Frankfurt umzusteigen. Meine neue Sitzplatzreservierung teilte sie mir auch noch mit und ich verabschiedete mich und gesellte mich wieder zu meinen Freunden den Bingozombies.
Dann plötzlich passierte, was ich befürchtete: Mit einem "Dab-da-da", dem Jingle der SNCF erscheint auf dem Bildschirm vor dem TGV nach Karlsruhe und Stuttgart eine 6. Bingo! Nun haben etwa 600 Leute gleichzeitig Bingo und strömen auf Gleis 6 um sich ihren Gewinn abzuholen: Den gefühlt kilometerlangen TGV. Wagen 6 ist der erste Wagen und mein Wagen ist die 16. Ein Traum.
Was ich bisher nur vom Flughafen kannte, wurde einfach Bahnhofsrealität: Ultralange Gateways und mehr strömende denn tröpfelnde Menschenmassen.
An meinem Platz angekommen, treffe ich Strauß wieder. Am Telefon erzählt er einem Kollegen, was in den letzten zwanzig Minuten passiert war. Er habe wenig geschlafen und keine Lust in Paris zu übernachten. Insgesamt, dachte ich mir, ist er doch ein ziemlicher Waschlappen. Und dabei fiel mir auf, wie lässig ich das alles nahm. Vielleicht war es, weil mich die Monate lächerlichen Schlangestehens und Bureaucratie abgestumpft hatten. Oder hatte ich etwa französische Lässigkeit in mir?
Christoph, wie Strauß wirklich hieß, aber ich bleibe bei Strauß, weil es einfach so beschreibend ist, erzählte mir noch so einiges, bis ich mich in diesen Artikel vertiefte und er ein Buch aus dem Rucksack zog. Harry Potter auf englisch.
Da hatte ich also Paris überstanden: In einem anderen Zug als geplant, mit einer anderen Ankunftszeit als geplant und umgeben von absoluter Dunkelheit draußen. Bis 20 Uhr passierte nichts. Außer, dass Strauß beim Einnicken den Band fallen lies, kurz bevor der Schaffner vorbei kam.
Er gab sich mit meiner nun nachbezahlten Karte zufrieden, wies mich nochmal auf die "correspendance à Karlsruhe" hin und wünschte mir einen guten Abend. Wie er hieß, konnte ich übrigens nicht erfahren. Möglicherweise kein adeliger Schaffner.
So langsam hatte sich alles beruhigt. Die Mitreisenden, darunter immer noch Strauß, witzelten und erzählten sich gegenseitig wie faszinierend und gleichzeitig verrückt Paris sei. Mit dem Auto kann man es dort vergessen. Aber außen parken und mit der Metro rein, ist auch wieder doof.
Auf dem Gleis in Karlsruhe stellten wir dann fest, dass der ICE von Karlsruhe nach Frankfurt zwar nach Frankfurt, aber halt nicht Hauptbahnhof sondern Flughafen fährt. Ein aus 700km Entfernung gerade zu lächerlich kleiner Abstand von 10km, jedoch beim gut getakteten Abendverkehr der S-Bahnen in Frankfurt und der [...Nächste Seite]
Was ist passiert? Ich packe heut morgen meine Sachen, überprüfe, ob ich für die Heimfahrt auch alles dabei habe. Fahrkarte? Jepp, eingepackt. Carte 12-25? Mmmm, das wird ja wohl die blaue Checkkarte sein, die ich im Portemonnaie habe. Koffer? Klamotten? Bin ich angezogen? Ja, ja, ja, alles klar. Es kann losgehen.
Ich fahre für einen letzten cours an die Uni; eine Englischstunde, ganz weihnachtlich mit Weihnachtsübungsblättern und so. Na gut, danach ins Resto-U und noch schnell was Essen und dann weiter zum gerade mal 500m entfernten Bahnhof. Der perfekte Ferienbeginn.
Départ Grenoble
Auf Gleis F steht er schon bereit, der TGV, ich finde auch meinen Waggon und den Sitzplatz. Dazu sind auch noch zwei andere Studis aus meiner école mit dabei. Perfekt.
Zu perfekt, um genau zu sein, denn mir ist ein Fehler unterlaufen. Nicht dass derselbe Fehler jedem, aber auch jedem Nicht-Franzosen und wahrscheinlich jedem zweiten Erstfahrer mit SNCF auch passieren würde: Ich habe die Carte 12-25 (die "Bahncard" der SNCF) vergessen.
Wie? Wieso? Ist das nicht die blaue Karte? Nein, belehrt mich der Schaffner, das sei nur die Bonuskarte. Äh ja. Mmmm. Das Namensschild des Schaffners verrät mir seinen vollen Namen: Chef du Train. Ein Graf von Zug also. Und was für ein schöner Vorname.
Nein, insistiert er, die Carte 12-25 ist der Lappen, der eigentlich gar nicht wie eine Karte sondern wie ein Billet aussieht. Eben der Lappen, den ich für die Übergangs-Carte-12-25 gehalten und daher daheim gelassen habe. Aber nur da, so erklärt er mir, sei mein Foto drauf. Sonst könnte ja sonstwer die Karte benutzen.
Toll, denke ich, und will spontan die 50 Minuten in Paris dazu nutzen, die Zentrale der SNCF aufzusuchen und dem obersten Chef in den Arsch zu treten, weil sie so nen superdämlichen Blödsinn machen. Da bietet er mir an, den Restbetrag zum vollen Kaufpreis per Kreditkarte (ja, das ist eine Karte) zu begleichen und mir die Differenz dann nachher erstatten zu lassen. Abzüglich 10 € Bearbeitungsgebühr selbstverständlich.
Und dieselbe Prozedur dann nochmal von Paris nach Frankfurt?, frage ich. Das schien ihm ebenfalls selbstverständlich, aber vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden.
Nachdem er gegangen ist und ich mich über das Weihnachtsgeschenk von Minus 49 € und einem Betrag X, der bei der Weiterfahrt noch zu klären sein wird, freue, sehe ich mir die Fahrkarte nochmal an.
Okay, die könnte sonstwer nutzen, wenn da nicht oben rechts mein Name stehen würde. Auch ist auf der Karte eine Kartennummer vermerkt, die Monsieur Chef du Train sicher auch ohne weiteres in seinem tragbaren Fahrkartenautomaten hätte nachschauen können.
Nicht, dass man mich falsch versteht: Benannter Schaffner hat sicher nur Dienstanweisungen ausgeführt und sich vollkommen korrekt verhalten. Und wahrscheinlich konnte er es einfach nicht nachschauen, weil das die Software nicht kann. Aber wieso zum Geier ist denn
eine Bahn-Gesellschaft soooo fürchterlich Umständlich.
Warum muss ich ein 4mm dickes Etui mit mir rumschleppen, wo man ohne weiteres das Foto austauschen kann? Dazu braucht es wirklich nur ein Bastelmesser, etwas Kleber und ein bisschen Geschick! Wozu schicken die mir den Riesenlappen und so ne dämliche Bonuskarte? Selbst der ausgemachte Chaotenladen Deutsche Bahn bekommt es hin, die beiden Funktionen auf einer Karte zu vereinen, oder es jedenfalls so einzurichten, dass man eine Checkkarte und kein Heft mit sich schleppt.
Aber vielleicht reagiere ich über. Zu Weihnachten sollte man auch an andere und nicht immer nur an sich denken. Und ganz offensichtlich werde ich dieses Weihnachten der SNCF 20 € und ganz viele Nerven schenken. Außerdem, das dämmert mir gegen Ende dieses Artikels
dann, ist es in der Denke der Franzosen vielleicht durchaus charmant, sowas anachronistisches wie eine Carte-12-25, selbst gebastelt und aus Papier, sein Eigen zu nennen und mit sich rumzutragen. Immerhin laufen sie ja ohnehin schonmal mit einem Scheckheft herum oder besitzen für die umliegenden 43 Supermärkte jeweils eine eigene Bonuskarte.
Wenn ich jedoch meinerseits einen Wunsch an SNCF richten darf: Leute, macht ne Karte aus dem Papierlappen und verlangt dazu einen Lichtbildausweis (piece d'identité). Und bitte: Geht doch auch mal davon aus, dass in Europa jemand, der nicht so gut Französisch
spricht, auf die Idee kommen könnte, sich als Transitreisender oder ähnliches eine Kundenkarte zuzulegen. Das heißt: Klare Anweisungen! In dem ganzen Papierberg, den ich geschickt bekommen habe, war nicht ein offensichtlicher Hinweis, dass es
sich bei dem Papierlappen um das wichtige Ausweisdokument und bei der himmelblauen Checkkarte um die unwichtige Bonuskarte handelte.
Gut, andererseits gibts auch ein cahier electoral, das man als Wahlberechtigter bekommt. Dort kann man dann, wie beim Bäcker, Abstempeln lassen, wenn man zu Wahl gegangen ist. Es gibt mit jeder Wahlbenachrichtigung ein neues Heft, sodass man es wahrscheinlich nicht vollbekommt. Aber das macht ja nix, man bekommt für 10mal wählengehen auch kein Brot umsonst.
So, das waren jetzt sogar zwei Wünsche an SNCF, deswegen richte ich den dritten Wunsch an die Deutsche Bahn:
Liebe Deutsche Bahn! Es ist zwar doof von euch, wenn ihr die Computernetze eines Konkurrenten (SNCF) hackt. Aber wenn ihr schonmal dabei seid: Kopiert doch mal eure Software für die Verbindungssuche auf deren Systeme. Damit wäre vielen geholfen. Und jetzt bloß nicht überheblich werden: Die TGVs haben wenigstens richtige Achsen.
Correspondance Gare de Lyon
Vielleicht kann man an dieser Stelle sagen: Das Elend geht weiter. Aber diesmal nicht bei der SNCF sondern beim Pariser Bahnnetzbetreiber beim Umsteigen in den RER Ligne D. Der Plan: Rein in RER D bis Gare du Nord, dort entweder per Metro oder zu Fuß -- es sind nur 800m -- weiter zum Gare de l'Est. Dort dann in den ICE nach Frankfurt am Main.
Ohne Verspätung aber bei mäßigem Wetter fährt der TGV in den Gare de Lyon ein. Die Bahnhöfe in Paris sind letztlich ein Relikt aus alten Zeiten, wie es in Berlin in gemäßigterer Form auch besteht: Zentralbahnhöfe gab es zu der Zeit nicht, man musste am Ankunftsbahnhof (z.B. Gare de Lyon oder in Berlin z.B. Lehrter Bahnhof) in die Kutsche umsteigen und zum Abfahrtsbahnhof zuckeln.
Das ist heute noch fast genauso: Raus aus dem Zug, rein in die Kutsche. Der Unterschied: die Kutsche ist heute elektrisiert, doppelstöckig, ca. 100m lang und heißt RER. Von der Netzstruktur her vielleicht vergleichbar mit den S-Bahnen in Deutschland.
Auf dem Bahnsteig treffe ich wieder auf Cloé und, was ich vorher gar nicht wusste, Barbara. Cloé ist auf dem Weg nach Köln, macht aber einen Abstecher zu ihren Eltern und fährt dann erst weiter. Barbara nimmt den RER Ligne A zu einem anderen Bahnhof.
Wie zu Lochkartenzeiten: Die angefahrenen Bahnhöfe werden mit weißen Punkten angezeigt. Eine Information, auf welchem Gleis der nächste Zug in eine gewünschte Richtung ankommt, gibt es vorher nicht. Und je nach Gleis sind die Orte auch noch anders sortiert...
Ich haste zum nächsten Plan, von denen es offenbar nur zwei in der ganzen Station zu geben scheint. Dort heißt es, dass ich den RER D nach Chatelet nehmen muss. Doch es gibt keine Schilder.
Nach zehn Minuten des Suchens und einem kurzen Gespräch mit der Polizei probiere ich es einfach mit einem der vier möglichen Gleise. Dort angekommen, stelle ich fest, dass es die Reise auch in informationstechnologischer Hinsicht großartiges offenbart. Ein binärer Gleisanzeiger.
Nicht die grobe Reiseroute und die wichtigsten Haltestellen (wie zuuum Beispiel Gare du Nord) werden angezeigt sondern alle Haltestellen. Und zwar in einer großen Tabelle von etwa einem Quadratmeter. Dort findet man die Haltestellen dann entweder mit einem weißen Punkt versehen oder nicht. Ersteres heißt: Hier wird gehalten.
Ich suche "Gare du Nord" und finde ihn... nach ca 2 Minuten ganz rechts unten. Ist aber auch nicht verwunderlich, denn auf diesem Gleis fährt der Zug normalweise in die Gegenrichtung. Niete gezogen, neu ziehen. Ich gehe auf das Nachbargleis und finde einen stehenden RER D vor. Auf der Tafel suche ich in Windeseile la Gare du Nord und finde ihn, oben links. Die Türen sind bereits dabei, sich zu schließen, als ich hineinspringe. Was dann kommt, kannte ich bereits aus der Pariser Metro: Eine Zugtür in Paris ist erst zu, wenn der Zug rollt. Vorher wird sie mit Zähnen und Klauen aufgeschoben und sich hindurch gequetscht. Arme Tür.
Nach anfänglichen Zweifeln an der Richtigkeit meiner Zugwahl, stelle ich fest: Ja, es ist der Richtige und er hält sogar am Gare du Nord.
Correspondance Gare du Nord
Gare du Nord: Ein Riesenbahnhof mit insgesamt drei Ebenen. Leider ist der nahgelegene Gare de l'Est nicht auf der Karte zu finden und auch nicht ausgeschildert...
offensichtlich auf einem Hügel oder soetwas.
Auch hier das gewohnte Bild: Jede Pupsstraße ist ausgeschildert, aber für das große ganze war kein Platz mehr. Kein Schild, das auf den Gare de l'Est hinweist. Nur Rue de Dunkerque, Rue Saint Denis und la Rue Magenta. Leider konnte ich nicht sehen, ob die Rue Magenta der Telekom gehört...
Auf meine Frage, wo der Gare de l'Est zu finden sei, antwortet mir ein freundlicher SNCF-Mitarbeiter: "Vous allez à gauche, puis tout droit. Après à droite c'est la gare." Also: Links, immer geradeaus und dann rechts. Was er nicht sagt: Durch das Rotlichtviertel. Und überhaupt: "Tout droit" ist Ansichtssache. Die Straße, die geradeaus führt, ist eine kleine Gasse. Wieder kein Schild. Und sie überquert eine Kreuzung mit Insel und fünf Straßen. Auf der Verkehrsinsel: Etwa ein dutzend Mopeds und eine Straßenkarte. Immerhin, hier sehe ich, dass ich richtig bin.
Kleines Schild "Gare de l'Est". Witzigerweise kann man ihn durch eine Drehung um 90° nach rechts bereits sehen...
Gleisbingo
Euphorie überkommt mich: Ich habe es geschafft! Ich habe das Pariser Ungemach der seltsamen Ausschilderung überstanden. Und noch besser: Niemand hat gestreikt. Trotzdem überkommt mich ein seltsames Gefühl beim Betreten des Gare de l'Est, jenes Jugendstilkomplexes, auf den ich von der Straße aus schauen konnte.
Wenn 500 Menschen in ein und sieselbe Richtung schauen, ist man entweder in einem Zombiefilm oder an einem französischen Bahnhof.
Doch der Gedanke an Gleisbingo spielende Zombies gefiel mir nicht, und so entschloss ich mich, um nicht aufzufallen und gefressen zu werden, auch auf den Monitoren nach meinem Zug zu schauen. ICE 9557 nach Frankfurt/Main. Was statt der Abfahrtszeit dort stand, gefiel mir jedoch gar nicht: Supprimé. Oder wie man bei der Deutschen Bahn sagt: Zug fällt aus.
Jetzt wurde mir langsam klar, wieso diese Menschen Gleisbingo mit solcher Inbrunst spielten. Ich machte einen "Acceuil" aus, fragte eine komplett in blau gekleidete Dame nach meinem Zug und sie sagte mir, dass ich mich an den anderen Acceuil unter den großen Monitoren wenden solle, die seien für meine Umbuchung verantwortlich.
Moment mal: Umbuchung? Was soll das denn heißen?
Am Acceuil, zwei kleinen Tischen mit einem Riesenstapel Zettel darauf und 6 emsig Suchenden SNCF-Mitarbeitern drumherum, hilft mir dann nach einigen Minuten eine Mitarbeiterin weiter. Eine deutsche Flagge auf ihrem Namensschild verrät, was sie mir auf Nachfrage bestätigte: "Ajn glainäs bi-schen" spreche sie deutsch. Wow, sofort ist sie mir sympatisch. Ich gebe ihr meine Nummer, also die Zugnummer, und auch sie fängt emsig an zu suchen.
Neben mir höre ich einen kleinen, ebenfalls blau gekleideten Mitarbeiter der SNCF auf deutsch erklären, dass das schon seit drei Tagen so ginge: Die ICEs auf der Strecke nach Paris blieben liegen, erklärt er. Kein Ersatz durch DB, kein Ersatz durch SNCF möglich, da sie nicht endlos Züge hätten. Er spricht mit einer älteren Dame und einem untersetzten (nett gesagt), rotgesichtigen Herrn, die wohl beide auf den ICE nach Frankfurt gebucht waren. Ihn nenne ich Strauß, aber nur zum Spaß, weil er mich an Franz Josef Strauß erinnert. Die für ihn vorgesehene Ankunftszeit in Frankfurt: Null Uhr acht.
"On prend ce train, c'est plus vite", sagte plötzlich der Kollege der Mitarbeiterin mit dem süßen Akzent, reichte ihr einen Zettel, strich etwas durch und schrieb etwas hin. Das nenne ich persönlichen Einsatz, und das meine ich ganz ernst. Kein dumpfes "da gibt's nur die eine Verbindung"!
Schnell reichte sie mir den Zettel und erklärt auf französisch (schade :) ), dass ich den TGV nach Karlsruhe nehmen solle, um dann dort in den IC nach Frankfurt umzusteigen. Meine neue Sitzplatzreservierung teilte sie mir auch noch mit und ich verabschiedete mich und gesellte mich wieder zu meinen Freunden den Bingozombies.
Dann plötzlich passierte, was ich befürchtete: Mit einem "Dab-da-da", dem Jingle der SNCF erscheint auf dem Bildschirm vor dem TGV nach Karlsruhe und Stuttgart eine 6. Bingo! Nun haben etwa 600 Leute gleichzeitig Bingo und strömen auf Gleis 6 um sich ihren Gewinn abzuholen: Den gefühlt kilometerlangen TGV. Wagen 6 ist der erste Wagen und mein Wagen ist die 16. Ein Traum.
Was ich bisher nur vom Flughafen kannte, wurde einfach Bahnhofsrealität: Ultralange Gateways und mehr strömende denn tröpfelnde Menschenmassen.
An meinem Platz angekommen, treffe ich Strauß wieder. Am Telefon erzählt er einem Kollegen, was in den letzten zwanzig Minuten passiert war. Er habe wenig geschlafen und keine Lust in Paris zu übernachten. Insgesamt, dachte ich mir, ist er doch ein ziemlicher Waschlappen. Und dabei fiel mir auf, wie lässig ich das alles nahm. Vielleicht war es, weil mich die Monate lächerlichen Schlangestehens und Bureaucratie abgestumpft hatten. Oder hatte ich etwa französische Lässigkeit in mir?
Christoph, wie Strauß wirklich hieß, aber ich bleibe bei Strauß, weil es einfach so beschreibend ist, erzählte mir noch so einiges, bis ich mich in diesen Artikel vertiefte und er ein Buch aus dem Rucksack zog. Harry Potter auf englisch.
Da hatte ich also Paris überstanden: In einem anderen Zug als geplant, mit einer anderen Ankunftszeit als geplant und umgeben von absoluter Dunkelheit draußen. Bis 20 Uhr passierte nichts. Außer, dass Strauß beim Einnicken den Band fallen lies, kurz bevor der Schaffner vorbei kam.
Er gab sich mit meiner nun nachbezahlten Karte zufrieden, wies mich nochmal auf die "correspendance à Karlsruhe" hin und wünschte mir einen guten Abend. Wie er hieß, konnte ich übrigens nicht erfahren. Möglicherweise kein adeliger Schaffner.
Correspondence à Karlsruhe und der Mannheimer Dialekt
So langsam hatte sich alles beruhigt. Die Mitreisenden, darunter immer noch Strauß, witzelten und erzählten sich gegenseitig wie faszinierend und gleichzeitig verrückt Paris sei. Mit dem Auto kann man es dort vergessen. Aber außen parken und mit der Metro rein, ist auch wieder doof.
Auf dem Gleis in Karlsruhe stellten wir dann fest, dass der ICE von Karlsruhe nach Frankfurt zwar nach Frankfurt, aber halt nicht Hauptbahnhof sondern Flughafen fährt. Ein aus 700km Entfernung gerade zu lächerlich kleiner Abstand von 10km, jedoch beim gut getakteten Abendverkehr der S-Bahnen in Frankfurt und der [...Nächste Seite]


















