Die erste Semesterwoche des E-Technikers

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Grenoble
Freitag abend und ich blicke zurück auf eine interessante Woche: Meine erste erste Woche in einem neuen Semester in Grenoble.
Eine leise Stimme in meinem Kopf sagt: Die Normalität hat dich eingeholt. Ein gutes Gefühl, zumal es am Montag erst nachmittags mit Sport losging. Und da war dieses vertraute Gefühl, dass mich abends zuvor den Wecker im allerbesten Vorsatz auf 8 Uhr stellen und mich dann trotzdem bis zwölf schlafen lässt. Ich bin faul.
 
Dienstag

Mit ehrlicher Motivation stehe ich also am Dienstag auf, schwinge mich auf mein silbernes Innenstadt-Fahrrad und flitze dopingfrei aber genauso schnell wie ein echter Tour de France-Fahrer zur Schule. Ich bin gespannt, was Physique Statistique so bringt und noch viel gespannter, wie Nanophysique läuft. Das ist aber alles nichts gegen meine Vorfreude auf Informatique Industrielle.
Zusammen mit gut 25 ebenfalls ausgelassen und aufgeregten Quantenphysikfans warte ich auf den Beginn der Stunde. Den Block auf dem Tisch, den Stift gezückt.

Nach etwa zwanzig Minuten steht Madame Acceuil in der Tür. Sie heißt nicht so, aber sie arbeitet am Acceuil, sowas wie dem Empfang, und ist ein bisschen vergleichbar mit Frau Händel oder Frau Gerdau zu Schulzeiten. Sie sagt, wir müssten uns noch ein bisschen gedulden, denn der Prof hat im Minatec auf uns gewartet. Und tatsächlich, auch dort gibt es einen Raum 207. Dürfte ein Büro sein, aber das war dann ja auch egal.

Mit nur über einer halben Stunde Verspätung präsentiert er uns das Inhaltsverzeichnis und die didaktisch-inhaltlichen Ziele des Kurses, um dann zum Ausgleich für das späte Anfangen eine halbe Stunde früher Schluss zu machen. Ja, eine eher subversive Art von Protest gegen die Reform des Bildungssystems, aber mir wird klar: Ich bin faul, aber andere Menschen haben mich zu dem gemacht, der ich bin.

Verstört und orientierungslos begeben sich meine Mitschüler auf den Weg, ihre Freizeit zu gestalten. Ein Vorgang, der zwischen 8 und 18 Uhr vollkommen unerprobt ist. Nach einem Plastikbecher Kaffee und 30 Minuten sinnlosem Gedaddel im Internet ist die Kreativitätsgrenze von vor 18 Uhr ausgeschöpft und eine unsichtbare Kraft treibt alle wieder zusammen zu Nanophysik.

Während der neue Prof den Wortstrom ordentlich aufdreht und uns ein gedrucktes Volltext-Skript präsentiert, schlägt mein Herz höher: Es gibt sie also doch. Skripte, die wirklich ganze Sätze in Blocksatz enthalten. Und im selben Moment korrigiert mich mein Sarkasmus: Doch so Skripte habe ich schon gesehen. Format war da nicht A4 sondern Präsentationsfolie. Aber Blocksatz war es. Und die Wortdichte war so hoch wie auf jenen Nanophysik-Seiten. Doch es war kein Skript sondern eine Projektion an der Wand, während das zugehörige "Skript" ein Lückentext ohne Anmalbildchen war.

Wie undankbar ich zu dieser Welt bin, denke ich mir, die ganze Euphorie über das neue Semester in Sarkasmus zu ertränken. Und außerdem macht er seine Arbeit gut, der Monsieur Nanophysique.

Und schon isser auch vorbei der Vormittag. Und bei dieser Wahrnehmung hat mir mein Magen geholfen. Denn die Essensquelle liegt nun jeden Tag der Woche außer Freitags weit weg von mir. Und das Spiel ist jedesmal dasselbe: Raus, rauf aufs Rad und versuchen vor dem Bus mit den 100 Leuten da zu sein.
Das Positive -- und man soll es ja herausheben in solch schwierigen Zeiten -- die Kaffeemaschine geht wieder. Ja! Der Tag ist gerettet.

Und dann das lustigste Spiel seit TIM - The Incredible Machine: LabView. Wer außer mir hat keine Lust, einfache Programmierzwölfzeiler mit der Maus als seltsame Flowcharts zu programmieren? Die Poesie und Eleganz von Maschinenlyrik abgebildet auf nüchterne Vierfarb-Schaltplan-Optik. Das Bild des Schicksals einer Variable statt abstrakter Hochsprache, die das Gesetz verkörpert. Zugegeben, dieser Gedanke kam mir erst im Rückblick auf die Stunde, aber er scheint mir nach wie vor denkenswert. Ich gelobe elegantes, zielführendes, schnelles, konsistentes und fehlerarmes Programmieren, wenn ich bloß nicht wieder LabView benutzen muss!

Mittwoch

Liebes Tagebuch... gut, dass du nicht um acht Uhr in Kristallographie sitzen musst. Die Ansage 'Für einen ENSEEG-Prof war der eigentlich ganz nett' aus dem Mund von Clement lässt mich stutzen. Ja, das ist Elektrochemie und so, das sind seltsame Leute, deswegen gibts den Studiengang auch jetzt nicht mehr, antwortet er mir auf meine verwunderte Nachfrage.

Doch der Tag, ja die Woche, wird hart werden! Denn die Euphorie, der Leistungswille und der Schaffensdrang sind abgeklungen und schlichter, lebensbedrohlicher Müdigkeit gewichen. Und just als ich meinen Augen nur ein paar Sekunden Ruhe gönnen will, um der sonoren Stimme des Profs mit voller Aufmerksamkeit zu lauschen, während er die 9 Symmetrieachsen eines Würfels erklärt, ... denn ja ... so viele Symmetrieachsen hat ein Würfel... eine Symmetrieachse vierter Ordnung, drei Symmetrieachsen dritter Ordnung und sechs Symmetrieachsen zweiter Ordnung ... und während ich noch darüber nachdenke, was die Einheitszelle der Bällebecken im Kinderparadies bei IKEA ist und welche Gitterkonstante sie hat, bin ich auch schon weg. Hinfort im Land der Träume.

Und als ich die Augen wieder öffne, zurück aus dem dicht besiedelten Land der seltsamen Träume, sehe ich dasselbe Bild an der Wand. Noch immer viele Symmetrieachsen verschiedener Ordnungen. Und während ich noch denke, das kann jetzt ja nicht lang gewesen sein, dass ich geschlafen habe, erklärt der Prof die Stunde für beendet. Pünktlich und ganz ohne Streik.

Auf dem Weg zum Kaffeeautomaten hoffe ich, dass ich beim nächsten neuen Prof nicht auch gleich den ruhigen Typen markiere. Hoffentlich habe ich nicht geschnarcht! Vielleicht hat der neue irgendeinen Tick, der mich wachhält.

Liebes Tagebuch, ich hasse es, wenn ich die Zukunft vorhersage. Der Prof, der uns durch die Welt der Physico-chimie des Matériaux führt, macht kccchhhh unmissverstänlich klar, dass er khhhhrrrchk etwa alle fünf Sekunden husten muss.
Und nicht husten, weil klebriger Schleim die Atemwege verstopft. Kurzes Husten, ohne jegliche physiologische Motivation.

Das weckt meine Neugierde und besiegt meine Müdigkeit. Wie oft wird er wohl husten? Und wie viele Huster sind das in der Minute?
Um 10:37 beginne ich zu zählen und höre bis 12:15, dem Ende der Stunde, nicht auf.

Deux cent soixante quatorze! Zweihundertvierundsiebzig mal in einer Stunde und achtunddreißig Minuten. Das sind 2,7959 Huster in der Minute oder anders ausgedrückt ein Huster alle 21,4599 Sekunden! Faszinierend. Und es hat mich tatsächlich wach gehalten.

Und wieder geht es essen...

Nach einem kurzen Intermezzo über Halbleiterwerkstoffe dann die Offenbarung: Strategie et marketing. Dinge, die Physiker und Ingenieure unbedingt wissen wollen. Und endlich mal ne sympatische Dozentin. Zwar schafft auch sie es nicht, den Laptop mit dem Projektor zu verheiraten, aber ihre Folien bestehen nicht aus Fließtext. Ein bisschen viele Bildchen vielleicht, aber wer will nach den Erfahrungen aus dem letzten Semester bei soetwas schon meckern.

Nach etwa anderthalb Stunden setzt dann meine Aufnahmefähigkeit aus. Die Frau schafft es mit bloßer Leibeskraft, ohne Mikrofon und Verstärker, den Saal zwei Stunden zu beschallen und feuert die Worte wie im Dauerfeuer in die Menge. Ein vorsichtiger Blick aus meiner Deckung zeigt die verheerende Wirkung: Viele meiner Mitstreiter gehen zu Boden, getroffen von erbarmungslosen Fakten über Herrenrasierer mit fünf Klingen und darüber, warum die weiblichen Pendants rosa und rund sind. Doch sie überleben und ich auch.

Und da meine Motivation noch immer nicht bei Null angekommen ist, nehme ich meine letzte Kraft zusammen und setz mich mit meinen co-pilotes de TP zusammen und arbeite unsere Ergebnisse aus dem Reinraum auf. Von 18 Uhr bis der Hausmeister uns rausschmeißt. (Damit nun der Leser nicht von diesem studentischen Übermaß an Motivation und Hingabe ungläubig schaut: Der Hausmeister schmeißt uns um kurz nach 20 Uhr raus...).

Und so geht ein ereignisreicher Mittwoch zuende, liebes Tagebuch.

Donnerstag

Wer immer noch liest, dem sei meine Anerkennung ausgesprochen. Donnerstag habe ich keine Lust mehr, meine Woche zu lesen. Oder "hätte", denn ich lese sie ja nicht, ich erlebe sie.

Das geradezu orgiastische Erleben von akademischer Erkenntnis des letzten Tages hat mich ermattet. Und so wird der Morgen zu einem Disput zwischen mir und meinen drei Weckern. Ja, das ist unfair, aber die sind sich meistens einig und stehen füreinander ein. Ein einzelner Wecker lässt sich so leicht überzeugen, mich weiterschlafen zu lassen.

Dieses mal wäre es mir beinahe geglückt, doch ich gebe nach und fahre, in rund 20 Minuten die 8 km zur Uni. In einem Affentempo und unter französischer Auslegung eines halben Dutzends Ampeln komme ich schweigebadet im Polygone an. Dort stelle ich, wie jede Woche, fest, dass die Englischlehrerinnen und -lehrer noch eifrig darüber diskutieren, wie sie die Räume diesmal untereinander verteilen. Statt wie erwartet fünf Minuten zu spät zu sein, warte ich noch fünf Minuten bis die Lehrerin auftaucht. Nächstes mal, wenn ich zu spät dran bin, fahr ich gelassen, komme rein und sage, Oh, ihr habt schon angefangen?

Nun, wir diskutieren über Verantwortung von Wissenschaftlern und Ingenieuren, über Ethik. Ich fühle mich fürchterlich. Platt, fertig, müde und ich finde es unethisch, für zwei Stunden an die Ecole fahren zu müssen. Aber: Motivation, denn die erste Semesterwoche muss toll werden. Sie soll in die Geschichte eingehen.

Nach 45 Minuten wechseln wir hastig durch die Geheimtür in den Nebenraum, der mit PC-Arbeitsplätzen ausgestattet ist, nutzen sie aber nicht, sondern machen in erster Linie ein Viele-wichtige-Persönlichkeiten-der-Weltgeschichte-sitzen-in-einem-Ballon-der-abstürzt-und-nur-einer-kann-gerettet-werden-wer-ist-es?-Spiel, um Präsentationstechniken ohne vormalige Besprechung zu üben. Formidable, magnifique. Naja, unethisch halt.

Nach dem Mittagessen nehme ich den ersten Friseurtermin des neuen Jahres und auch des neuen Semesters wahr. Beim Friseur um die Ecke, der, mit Frau und Kind bepackt im Auto vorfährt und feststellt, dass er den Schlüssel zu seinem Salon daheim vergessen hat.
Meine Welt ist wieder in Ordnung: Auch andere Menschen können chaotisch sein. Das freut mich und so bekomme ich den besten Haarschnitt seit August 2008, wo mich ein übereifriger Friseur auf 9mm gestutzt hat. Es sei ihm zugute gehalten, dass ich mich damals noch nicht wirklich klar ausdrücken konnte.

Endlich Freitag

Freaky friday, oder wie ich zu sagen pflege: TP-Vendredi. Hehe. Heute holt uns unsere Arbeit der letzten 14 Tage ein. Mit der formidablen première équipe de la salle blanche geht's ab in den Keller, die Transistoren und Silizium-Kondensatoren durchzumessen, die wir fabriziert haben.

Nach einer kurzen, anderthalbstündigen Einführung schlägt der enseignant vor, einen Kaffee gegen die allgegenwärtige Müdigkeit trinken zu gehen, was wir dankbar annehmen. Wir reden über andere Profs, französisch Reden mit Akzent und den Grund, warum das TP heute acht Stunden dauert.

Und wie sollte es anders sein: Auch hier gilt Murphy's Gesetz wieder! Auf einem vermutlich zu vordarwinistischen Zeiten schon gebauten Apparat versuche ich anderthalb Stunden lang, die wenige Quadratmikrometer großen Kontaktflächen der Kondensatoren zu treffen.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Nach dem fünften Versuch hat Cloé Glück, die mich, verzweifelt wie ich war, abgelöst hatte. Doch es brauchte weitere drei Versuche und einen Wafer der anderen Gruppe, bis wir bereit zum Messen waren. Versuchsrealität kann so grausam sein.

In der zweiten Hälfte gibt sich dann sogar der enseignant geschlagen und gibt zu, dass er nicht alle Transistorformeln versteht. Aber zumindest haben wir hier einen Kontaktierapparat von deutscher Qualitätsarbeit. Die schreiben "SÜSS stellt das weltweit schnellste Testsystem vor, mit dem sage und schreibe 70.000 Chips pro Stunde getestet werden können". Wir kommen auf immerhin sechs Transistoren in vier Stunden.

Aber schön war's. Und anstatt auf die Party im Wohnheim am campus ouest, gehe ich ins Bett.

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