Besançon

weitersagen
Grenoble
Du meine Güte ist 7:44 Uhr an einem Sonntag früh. Und das beste: Das ist nicht die Zeit, zu der ich am Bansteig sein muss, sondern nur die, die auf der Fahrkarte steht. Beim Blick auf die Anzeigetafel im Bahnhof fällt nämlich auf: Der Zug ist schon für 7:41 Uhr angezeigt. Mal gut, dass ich mit dem Fahrrad gefahren und überpünktlich angekommen bin. Nur 4 Stunden im Zug trennen mich von Besançon an diesem Morgen in Grenoble.

Ich sollte wohl häufiger Zugfahren, denn hier bringe ich mein Praktikumsheft in Ordnung und lese so viel in meinen Unterlagen wie sonst in einer ganzen Woche nicht. Zumindest dem Gefühl nach ;)

Angekommen in Besançon treffe ich Anna am Bahnhof. Sie ist seit Februar in Dijon, was ja im Vergleich zu meiner Reise nur einen Katzensprung von etwa einer Stunde mit der Bimmelbahn entfernt liegt. Da Josephine noch nicht da ist, suchen wir erstmal ein Café. Das vom Bahnhofsausgang aus gesehen erste Café entpuppt sich als schummrig und ausgestorben. Wenig sympatisch also, aber ebenso drehen wir uns auf der Schwelle rum und gehen wieder. Mann, hat die Bedienung komisch geschaut...



Mit der Tür im Rücken kann man nun das Café im Bahnhof sehen. Viel sympatischer komischerweise. Naja. Während wir über alte und Studienzeiten sprechen, taucht endlich Josephine auf. Sie hat es von Göttingen hierher verschlagen, es ist aber ihr letztes Wochenende.

Und so machen wir uns auf in die Stadt. Vorbei an viel Grün (das fehlt mir so in Grenoble, sogar die Berge sind grau...) an den Fluss Doubs. Es wirkt alles ein bisschen verschlafen, aber es ist Sonntag und noch nicht Sommer. Wer weiß, wie es da sonst ausschaut.
Zu Fuß geht es durch die Altstadt, vorbei an Häusern mit gemustert gedeckten Dächern, alten Gebäuden im Stil von Schlössern hinauf, immer hinauf, denn die Zitadelle von Besançon liegt auf einem Fels inmitten der Flussschleife des Doubs. Durch ein Tor, einer porte, man darf sie nicht Arc de Triomphe nennen, da sind die Besançonner ganz beleidigt, auf eine Kirche zu und dahinter auf ein weiteres Stück Grün. Schöner Ausblick von dort.

Aber es geht noch höher und der Ausblick wird noch besser. In der Zitadelle angekommen kaufen wir uns Eintrittskarten und schauen uns den Zoo an. Hä? Zoo? - Ja, genau. Ein Zoo. Mit Affen (schon im Festungsgraben zu sehen) und Kleintieren und wahrscheinlich von der Haltung in Gefangenschaft schon total bekloppten Tigern und Löwen.

Der erste Anflug von Hunger treibt uns aus dem Zoo. Doch die Suche nach etwas essbaren führt zu keinem Ergebnis (das kleine Lokal hat kein Essen...) und wir entscheiden uns, noch zu warten und uns die Ausstellung über den Widerstand der Bewohner Franche-Comtés gegen das Dritte Reich anzuschauen.

Eine außerordentlich umfangreiche Ausstellung aber nicht zu vergleichen mit Ausstellungen, die man sonst zu dem Thema sieht: Sehr wenig ist erklärt, wenig ist dem Besucher von den Ausstellern abgenommen worden. Es gibt jede Menge Quellen. Interessantes, erschütterndes, sehr erschütterndes, ab und zu humorvolles. Und es scheint ein bisschen wie das Blättern durch ein Tagebuch. Hier eine avis der deutschen Besatzer, dort ein Brief eines Widerstandskämpfers. Und Propaganda, Gegenpropaganda und Propaganda gegen die Gegenpropaganda. Es erscheint schwer, in dieser Zeit, auszumachen, wer gut und wer böse ist. Und wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Vichy-Regimes, der Besatzung Nordfrankreichs und der France libre um Charles de Gaulle beschäftigt, stellt schnell fest, dass es tatsächlich nicht einfach war.

Auch hier trieb uns wieder der Hunger und die Uhr heraus, denn es war spät geworden. So ging es schnellen Schrittes wieder in die Stadt. Und am jardin de ville (der übrigens aussieht, wie der jardin de ville in Grenoble und damit wie der jardin de Luxembourg in Paris, aber auch das sollte man nicht sagen, wenn man keine Diskussionen um Details und Lokalpatriotismus riskieren will) gibt es dann für mich eine gauffre (Waffel) und es geht in den Bus und dann zum Bahnhof.

Und mit nur einer Stunde Warten in Lyon (manchmal nervt Bahnfahren), wo mir Halbstarke Mopedfahrer "du shit" andrehen wollten, geht es wieder nach Grenoble. Dass der Tag dann aber so gegen 23 Uhr noch lange nicht vorbei ist, hatte sich schon mittags am Telefon ergeben: Ein Studienkollege ist in Schwierigkeiten, denn er hat sein Exemplar der Aufzeichnungen aus dem Reinraumpraktikum in der Schweiz gelassen... und so wird der Abend für mich zu einer Lektion in "Telefonieren auf Französisch". Hat aber alles geklappt...

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Comments

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  1. Arne P. says:

    Jaa, wir wollen mehr Geschichten über französische Eisenbahnen!

  2. Christian Weickhmann says:

    Ich mag aber nicht so viele erleben...


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