Einmal Europa und zurück

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Grenoble
Reisen. Manchmal frage ich mich, warum ich reise. Zum Beispiel: Jeden Morgen in diesem Frühling habe ich auf der Reise von meiner Résidence zur Ecole ein zweites Frühstück. Eine gute Million Mückenviecher hält sich auf den Radwegen auf. Keine Ahnung warum. Vielleicht, weil es da so schön schattig ist. Oder vielleicht sind sie Fans der Tour de France, Radsportfreaks. Und so wollen sie den Radfahrern so nah sein wie möglich: In der Nase, im Auge, im Mund und in den Ohren.

Also, warum reise ich?
Vielleicht, um erzählen zu können. Zum Beispiel von Bonn.


Hinfahrt und meine Verwirrung

Am Freitag und sieben Uhr gehts auf zum Bahnhof in Grenoble und auf die Fahrt nach Paris. Diesmal habe ich 2,5 Stunden in Paris. Toll. Da kann ich die Strecke zwischen Gare de Lyon und Gare du Nord endlich mal oberirdisch machen. Also raus aus dem Gare de Lyon, der von außen viel, viel schöner ist als von innen, aber so richtig leicht ist die Orientierung trotzdem nicht. Nach einer kurzen Suche finde ich die Haltestelle. Und dann ein berühmter Dialog...

Ich: "Un ticket à la gare de Lyon."
Busfahrer: ??? "Ben, vous êtes là."
Ich: "Oh. Ah oui, gare du Nord, s.v.p."

Und dann fällt es mir auf: Um jeden Bahnhof findet sich das, was ich zunächst, bei meinem ersten Besuch in Paris für das Rotlichtviertel gehalten hatte. An jedem Bahnhof gibt es ein halbes Dutzend Sexshops... warum gerade Bahnhöfe? Und warum gibt es am Bahnhof nirgendwo was zu essen und zum Sitzen? Zweieinhalb Stunden in Paris ohne zu wissen, was man mit ihnen anfängt sind doof.

Und so setze ich mich mit einem Eis von einer Fastfood-Kette auf den Designerrammbock im Bahnhof, schaue Tauben zu und lese. Nach einer Weile dann wieder dieses "Dadab-dada" und wieder und wieder. Und schließlich, endlich, Gleis 8, der Thalys nach Cologne. Ein weinroter TGV mit "Wifi inside" Aufklebern darauf.

Doch wie sollte es anders sein: Für Fahrten in der 2. Klasse ist es selbstverständlich kostenpflichtig. Verdammte Zweiklassengesellschaft! Aber: Für die Rückfahrt habe ich eine Karte erster Klasse. Hehehe! Und was mich wundert: Irgendwie ist bisher alles gut gegangen. Das ist ungewöhnlich.

Und ab geht es: Durch Belgien nach Köln -- in Brüssel geht es durch ein beeindruckendes Viertel aus Glas und Stahl! Wieso habe ich davon nie was gehört oder gesehen? Vielleicht weil immer alle im WLAN sind, während der Fahrt... und so komme ich in Köln an und mache, was wohl jeder schonmal machen wollte: Seine Betuchtheit darin ausdrücken, dass man mit einem ICE-Ticket inklusive Platzreservierung Regionalbahn fährt.

Bonn und die Rheinische Frohnatur

Und nun der Dialog, der mir mal wieder klarmacht, was der vermutlich offensichtlichste Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist:

Ich: "Eine Fahr nach Casselsruhe, bitte."
Busfahrer: "Mhpf."
Ich: ???
Busfahrer: "2,40 €"

Nun sind allgemeingültige Aussagen so eine Sache bei einer Stichprobengröße von jeweils 1. Und vielleicht ist es auch die Rheinische Frohnatur, die meiner Meinung nach nur zwischen dem 11.11. und Fasching eine Frohnatur ist. Danach muss sie sich regenerieren. Und was mich am meisten schockiert: 2,40 € ??? In Grenoble ist es 1,40 € und ich darf eine Stunde fahren, in Paris 1,60 €. Was mache ich denn nun, wenn ich nur einfach mal so eine Stunde durch Bonn fahren will? Skandalös!

Die Stiftung

Doch dann wird mein Kopf von anderen Themen durchflutet: AK Internet-Treffen auf dem Venusberg.
Vielleicht eines der letzten Male. Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie mit dem ganzen Essen fertig werden? Wie es schaffen, sich nicht in Albernheiten zu verlieren statt zu arbeiten? Und wie kann es sein, dass man das Gefühl hat, so wenig gemacht zu haben und trotzdem alles abgearbeitet hat?

So muss ich vielleicht ein bisschen ausholen: Ich bin Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das heißt, was der Name schon sagt: Ein nicht sonderlich großes Stipendium (80€ im Monat, aber das kann man nachlesen: www.fes.de) und dafür ne Menge Arbeit. Aber es ist ja nicht das Geld was zählt! Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Seminarprogramm. Für mich als Ingenieur bringt es nicht so wahnsinnig viel fachliches. Es ist eher politisch, sozio-kulturell oder ähnliches. Aber das ist auch naheliegend, denn als Ingenieur ist man in den meisten politischen Stiftungen bedrohte Tierart, Spurenelement, Sagenfigur. Kurz gesagt, der, der an einer französischen Ampel stehen bleibt, wenn sie rot ist.

Aber ich fühle mich recht wohl. Und durch das neu angelaufene Mentorensystem, bei dem ein Stipendiat einen ehemaligen Stipendiaten an die Seite gestellt bekommt, wird es erst richtig interessant. Ja, schrecklich, das ist Netzwerkerei, Kungelei, Nepotismus, Filz! Aber zunächst geht es hier um den eigentlichen Sinn des Wortes Mentor: Mentor ist Odysseus' Ratgeber und kümmert sich um seinen Sohn Telemacho (unglücklich gewählt, dieser Name!).

Und darüber hinaus kann man sich dann doch technisch austoben: Im Arbeitskreis (AK) Internet. Und was machen die? Das Stipendiaten-Netzwerk fes-stip.de. Das ist wie Facebook, LinkedIn, StudiVZ, Xing usw. nur halt für Stipendiaten. Und das beste: Es existiert seit 2002 und damit länger als alle der vier genannten Plattformen! Ha! Da kann man sich was drauf einbilden. Geschichte geschrieben! Weiß nur niemand von. Schade.

Der Döner, die Ampel und die Bonner

Na gut, aber das mache ich also in Bonn. Und so vergeht ein Wochenende, in dem ich endlich seit Wochen Steffi wiedersehe, wir einen wunderbaren Abend und eine nicht ganz so wunderbare türkische Pizza und einen Döner erleben und es schließlich wieder heißt, Abschied zu nehmen.

Und an genau diesem Abend, mit Döner und Pizza im Bauch geht es mir auf: Der Untschied zwischen Deutschland und Frankreich ist real! Er ist subtil, aber er ist da! Es ist die rote Fußgängerampel auf der fast komplett unbefahrenen Straße!

Bonn: Zu beiden Seiten steht ein Dutzend junger Leute und wartet brav bis die gut 200m entfernte Straßenbahn vorbeigefahren ist und die Ampel auf grün schaltet.
Grenoble: Alle laufen los. Scheinbar unkoordiniert und gedankenlos. Doch kann sich ein Auto, eine Straßenbahn oder ein Flugzeug nähern und niemandem geschieht etwas. Ich habe noch nicht raus, wie das geht, aber es geht.

Gut, vielleicht liegt es auch an der kleinen Polizeiwache am Bahnhof oder daran, dass Bonn als ehemalige Hauptstadt einfach Regelbewusstsein in jedem Einwohner einlagert, aber es war schon beeindruckend.

Das Eine und das Ende

Und da war es nun, das Eine, was Auslandsstudium immer bitter schmecken lässt: Abschied nehmen. Auch wenn es wieder nur für sechs Wochen ist. Das Einstigen in den Zug ist schon zu einer gewissen Routine geworden. Kein Vergleich mehr mit der ersten Abfahrt im August.

Wie der Spinat, als man noch klein war: Er musste sein (zumindest haben das Mama und Papa gesagt), aber man hat ihn gehasst. Und mit jedem Ma(h)l hat man ihn kein bisschen mehr gemocht, ihn aber akzeptiert, weil man wusste, dass es irgendwann vorbei sein würde! Wenn man erwachsen sein würde, wenn man groß ist und selbst Entscheidungen über den Verzehr von Spinat treffen kann. Dann, wenn man endlich Doktor, Bauarbeiter(in), Zahnarzt oder -ärztin, Feuerwehrfrau- oder -mann, Astronaut(in) oder Rennfahrer(in) ist! Dann, wenn man im Süßigkeitenland angekommen sein wird und die kulinarische Tyrannei der Eltern durch das Bonbon-, Schokoladen- und Spaghetti-mit-Tomatensaußen-El-Dorado abgelöst sein wird.

So wird man schon in seiner Jugend zum Realisten runtergewirtschaftet. Wie ernüchternd.

Rückfahrt

So setze ich mich mit realistischen Erwartungen in den IC nach Köln. Denn dort würde ein Thalys auf mich warten und mit das breitsitzigere Ende der Zweiklassengesellschaft der Bahn zeigen. Mit kostenlosem WLAN und kostenloser Zeitung. Und wie um Köln kurz noch in aller Unbefangenheit einzufangen, gehe ich auf den Domplatz und Fotografiere wie ein Touri. Denn was gibt es besseres als Touris, die erster Klasse reisen?

Aufgrund von Bauarbeiten tritt nun also das ein, was ich bei der Bahn noch nie erlebt habe: Der Zug fährt früher ab. Eine Minute früher um genau zu sein. Das hat seinen Vorteil, denn er ist im Abfahrtsplan rot markiert und für mich daher wunderbar zu finden. Mein Mitleid mit allen Farbenblinden, die nicht nur zu spät kämen, sondern auch das Gleis nicht ausmachen könnten.

In gespannter Vorfreude nähere ich mich dem ersten Wagen, steige durch das gefühlt Marmorvertäfelte, innen mit rotem Samt ausgelegte, vier Meter breite Zugportal ein ... und nehme mir irgendeine Zeitung aus dem Ständer. L'Équipe. Na toll, Touri, das hast du ja toll gemacht. Aber ich habe ja noch was richtiges zu lesen dabei.

Und so gehe ich erfürchtig durch den Wagen. Auf einem breiten Korridor, links von mir, geradezu in unerreichbarer Ferne eine Sitzreihe, rechts von mir eine Doppelreihe. Und immer weiter bis zum Ende, meine Schritte hallen leicht nach. Ich setze mich und habe von der letzten Reihe den ganzen Wagen im Blick. Wie der Trommler auf dem Piratenschiff bei Asterix und Obelix.

Ich verteile meine Sachen gleichmäßig, greife freudig nach meinem Laptop, um all diese Erlebnisse direkt in die Weiten des Internets zu brüllen, da erklärt mir eine freundliche Frauenstimme aus den Lautsprechern in vier Sprachen, was ich überhaupt nicht hören wollte:

"Aus technischen Gründen ist der Internetzugang in diesem Zug heute leider außer Betrieb. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen."

WAS? Un-an-nehm-lich-keiten? Ich doch nicht! Wer würde sich schon ärgern, wenn er bei einem Ticket für 75€ kein WLAN hat? Ich hab ja ... ne Zeitung! Anachronistisches Papierwerk in Zeiten drahtloser Kommunikation!

Aber ich beruhige mich schnell, denn der Mann, der sich neben mich setzt, spricht:

Er: "Wissen sie, ob die Zugküche Sonntags offen hat?"

Hä? Vom quantenmechanischen Standpunkt spricht nichts dagegen, denke ich, und rolle innerlich mit den Augen ob der Skurrilität der Frage. Ich überlege kurz: Der Zug hat sonntags Strom, das Personal ist in ausreichender Zahl anwesend, es sind Passagiere da. Auf der Strecke liegt keine hochreligiöse, fundamentalistisch-katholische Stadt... Spricht also eigentlich nichts dagegen, dass die Zugküche sonntags offen hat.

"Weiß ich nicht, ich bin noch nie erster Klasse gefahren." antworte ich schließlich wahrheitsgemäß.

"Dann werden Sie gleich was erleben." meinte mein Nachbar vielsagend.

Ja, erlebt habe ich schon was, eine WLAN-Katastrophe, denke ich. Und was dann kam, lässt sich in ein paar Zeilen zusammenfassen:

Etwa alle 15 Minuten kommt eine oder ein rot gekleidete(r) Zugbegleiter(in) mit einem Wagen in den Wagen und verteilt Häppchen und Getränke. Schokoriegel, Erdnüsse, kleine Häppchen mit Miniwürstchen, Käse oder Obst, dazu Wein, Limonade, Säfte, Wasser, Tee, Kaffee und nicht zu vergessen: Erfrischungstücher.

Ich bestelle einen Wein. Nicht, weil ich Weintrinker bin, sondern zynisch und immer schonmal erzählen können wollte, in einem Zug, aus einer Flasche so groß wie ein Glas, aus einem Plastikbecher halb so groß wie ein Glas, bei wildem Schaukeln und vermutlich 280 km/h, Wein getrunken zu haben. Das sind Dinge, die man seinen Kindern und Enkeln erzählen können muss. Sonst wird man nicht ernst genommen. Und dazu ganz stilecht: Erdnüsse. Naja, zumindest bei der Wahl zwischen Nüssen, Twix, Mars und mir unbekanntem belgischen Knabberkram das stilechteste.

Nun hat dieser Überfluss an nahrhaften, in Schälchen dargebotenen oder dreifacher Plastikfolienverpackung eingeschweißten ... ich will es der Wirkung halber mal "Genüssen" nennen, also ... Genüssen einen Nachteil: Die Wagentür neben mir, die so flüsterleise auf und zu ging wie eine LKW-Tür an einem russischen Kamaz Baujahr Oktoberrevolution.

So entscheide ich mich fürs Lesen und verschiebe mein geplantes Nickerchen mit Beinfreiheit auf die Fahrt von Paris nach Grenoble. Zweiter Klasse versteht sich.

Und so wart er gebohren: Der ewige Zweitklässler.

Ankunft

Der Rest der Reise sollte eher unspektakulär werden. Einige Entwicklungshilfe aus Schilda gab es noch am Gare du Nord, wo der Tunnel Richtung Metro in einer Baustelle endete, deren Durchschreiten von den üblichen Metrodrehkreuzen (die eigentlich keine sind, sondern eher Türen) unterbunden wurde.

Passieren nur mit einem Carnet. Und das war am Ende der Schlange zum einzigen (!) RATP-Fahrkartenautomaten für 1,60 € zu lösen. Ein findiger Mann bietet mir mit den Worten "Eh! C'est 1,50 € le Carnet. Plus vite!" an, aus einem Stapel von einigen Dutzend Carnets in seiner Hand zu ziehen. Ich lehne dankend ab, weil ich ihm, wie es jeder gute Touri nicht machen würde, grundsätzlich misstraue.

Und so warte ich 15 Minuten am Gare du Nord darauf, für 1,60 € ein Carnet zu kaufen ... am einzigen Carnet-Automaten neben drei arbeitslosen SNCF-Fernfahrkartenautomaten. Nebenbei lese ich ohne weiteren Aufwand (lediglich durch "Nicht-weggucken") ein halbes Dutzend Karten-PINs mit und frage mich, warum der Mann statt Carnets zu verticken nicht einfach die Kreditkarten der Deppen vor mir einsteckt...?

Geschafft, bar bezahlt, durch die Schranke und ab zum Gare de Lyon. Dort, wie immer, warten in etwas was der seltsame Abklatsch eines Flughaften-Gates sein könnte. Und dann -- "badam-dadab" -- auf mein Gleis, wo ich mir es in der zweiten Klasse des zweistöckigen TGVs nach Lyon bequem mache. Und ich weiß, dass mir niemand siebenundvierzig mal während der Fahrt freundlich Essen andrehen will.

Dann noch das Zeichen, dass nicht nur ich mit dem Beschilderungssystem des Gare de Lyon nicht zurecht komme: Eine junge Frau läuft völlig aufgelöst, weinend und mit dem Handy am Ohr neben dem Zug entlang. Sie drückt verzweifelt jeden Türknopf des Nachbarzuges, doch keine einzige Tür hat Gnade mit ihr.
Als der Zug sich in Bewegung setzt, flucht, weint oder schreit sie in ihr Handy, stampft mit dem Fuß auf und lässt dabei beinahe ihre Schultertasche auf ihren Rollkoffer fallen.
Auf dem Servicebahnsteig.

Mit meiner Tischnachbarin tausche ich einen kurzen Blick und ein "oulà" aus und vertiefe mich wieder in mein Buch. Und so denke ich: Das Leben ist grausam / und schrecklich gemein / das Leben ist grausam / und der Gare de Lyon ein Schwein. Danke Prinzen, endlich, nach 15 Jahren ergibt eins eurer Lieder leicht umgedichtet sogar einen Sinn.

Busfahrt

Nach numehr rund 9 Stunden etwas müde schaue ich auf meine Fahrkarte und stelle fest, dass der Zug, der mich von Lyon nach Grenoble bringen soll, gar kein Zug ist, sondern ein Autocar, ein Reisebus. Das hat die Fahrkarte also 2,70 € billiger und die Fahrt 2 Stunden länger gemacht.

Das Ende der Zweiklassengesellschaft, denn im Reisebus sind alle gleich. Alle außer Fanny, einer Studentin aus meinem Sportkurs, die keinen Sitzplatz mehr findet, und sich daher zwischen den Rückenlehnen zweier entgegengesetzt ausgerichteter Sitzreihen setzt. Verrückt, aber offenbar bequem.

Und so fahre ich die letzten 120 km mit dem Bus über nächtliche französische Autobahnen. Vorbei an Kühne+Nagel (holà Hövi!), ganz viel zappendusterer Gegend und hinein nach Grenoble. Über die Brücke, vorbei an meiner Ecole über die Rue des Martyrs und zum Bahnhof, wo ich mein Fahrrad unversehrt wiederfinde und durch die Nacht zur Résidence fahre.

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