Die Krux mit der Reise

weitersagen
Strasbourg
Mann, bin ich gestresst! Und warum? Weil ich auf die aberwitzige Idee kam, wo ich schonmal in Strasbourg bin, doch gleich nen Besuch der FES Hochschulgruppen im Rhein-Main-Gebiet beim EU-Parlament zu organisieren.

Was mir da noch nicht klar war: Eine Reise organisieren sagt der Laie. Der Fachmann spricht von einem multivariaten, nichtlinearen, chaotischen, transienten System, das dementsprechen mehrere, von den Einflussgrößen abhängige Arbeitspunkte hat und dazu neigt im Zeitverlauf (transient) stark zu schwanken. Oh, das kenn ich. Nennt sich auch Leben, Studium oder Betrunkener (zumindest das mit dem Schwanken).

Als ich heute heimkam, war ich dementsprechend am Boden. Ich packe meine Wäsche zusammen und gehe zum Waschsalon auf der anderen Straßenseite. Zwei Säcke sind es, so wenig Priorität habe ich meiner Wäsche zugestanden. Ich wage ein Experiment: Wäsche in die Maschine und dann versuchen, einkaufen zu gehen. Wie viel Zeit habe ich? Halbe Stunde. Ich sage nicht "Yes, I can", ich sage "Gut, das ist möglich", ist eh viel realistischer. Und es klappt! Ich bin begeistert. Der Supermarkt hat zwar nicht mein Lieblingsdeo sondern nur teures für 3,66 €, aber das ist mir egal. Besser als zu stinken. Und als ich meine Einkäufe so verstaue (gleich mal ein Frust-Eis gekauft) frage ich mich, ob ich nun zum Pessimisten werden sollte.

Ich gehe runter, um die Wäsche zu holen. Wieso Pessimist? -- Hat doch gut geklappt. An der Tür kommt mir eine sehr hübsche Frau entgegen (nicht so hübsch wie meine Freundin, das sei hier auch mal gesagt) und in dem Moment denke ich mir: Wenn ich nicht so frustriert gewesen wäre, dass ich genau jetzt Eis gekauft hätte, das schnell ins Gefrierfach musste, wäre ich nicht just in diesem Moment durch die Tür spaziert. Mmm. Das klingt gut.

Im Waschsalon angekommen stelle ich fest, dass ich schneller war als die Maschine. Wow!

Ein Mann holt seine Sachen aus dem Trockner, vor dem ich noch vor ner halben Stunde gestanden habe, weil ich ihn für eine Waschmaschine gehalten habe. Was sind die verdammten Dinger auch alle rot? Alle gleiche Farbe, gleiche Form, nur leicht unterschiedlich groß. Waschsalon-Small-Talk, zum ersten Mal habe ich richtigen WST. Auch das wäre vermutlich nicht passiert, wenn ich einfach hoch in die Wohnung gegangen wäre und erst durch die Erinnerungsfunktion meines Handys zum Abholen meiner Wäsche motiviert worden wäre.

Das alles sei vorweggeschickt.

Es fing wie gesagt mit der aberwitzig einfach erscheinenden Idee an, eine Fahrt nach Strasbourg zu organisieren, um das Parlament und - ach ja - ARTE zu besuchen.

Als ich vor etwa vier Wochen (so ziemlich die erste nicht-private Handlung, die ich in Strasbourg gemacht habe) bei Sezer, dem Referenten von Udo Bullmann, fragte, ob er mir helfen kann, erschien das so einfach.

Einfach über die FES (Europabüro in Brüssel, hui! :) ) einen Termin ausmachen, freuen. Dann bei ARTE anrufen, freuen. Dann ein Busunternehmen ausfindig machen, das die Bagage runterfährt, und ... erraten: Freuen.

So schreibe ich E-Mails. An ARTE, die, wie sie auf der Homepage zu bedenken geben, keinen richtigen Besucherdienst haben und daher Anfragen einzeln prüfen müssen. Was von Gruppen steht da. Na, dann wird das wohl, wir sind schließlich voraussichtlich nur so 25-30 Leute.

Auch die FES meldet sich, dank Sezer, recht prompt. Eine finanzielle Unterstützung der Fahrt sei leider nicht möglich, aber die Orga übernähmen sie. Freu? Naja, schade eigentlich, dass jetzt das volle finanzielle Risiko auf mir lastet. Eine Hilfe hätte da schonmal für ein bisschen Entspannung gesorgt. Aber egal, so geht es weiter, Level 2, höherer Schwierigkeitsgrad. Wie sagte Basti: No risk, no fun.

In der Woche darauf rufe ich nach etwas Recherche beim Europäischen Rat an. Backup-Programm, falls ARTE nicht klappt. Eine freundliche Dame spricht mit mir, sagt mir aber gleich, dass sie wegen der Ferien wenig Termine haben und die meisten schon ausgebucht sind (wären da doch nur nicht die lästigen Berichte, Klausuren und ach ja der Umzug gewesen, dann hätte ich mich da vor zwei Monaten schon drum gekümmert).

Ja, da sei noch eine Gruppe, die könnte eventuell zustimmen, uns mitzunehmen. Ja, Offiziere der Bundeswehr. Irgendwo im Badischen stationiert. Den Ort hat sie mir auch gesagt, aber ich hatte einen dieser Momente, die ich in Frankreich so oft hatte: St. Martin de Machin-Truc-Bidule ... ja, genau, schon vergessen. Im Badischen ist es da genauso.

Nach einer Rücksprache mit dem Batallion muss sie mir leider absagen. Es wird kein politisches Zeichen gewesen sein. Viel mehr hätte eine zu große Gruppe die Mobilität und Handlungsfähigkeit bei der Erkundungsoperation im Europarat beeinträchtigt. Eine strategisch sicher richtige Entscheidung. Tant pis pour moi, aber c'est la vie :) ARTE hat sich noch nicht gemeldet.

Nach weiteren 5 Tagen bin ich des Wartens überdrüssig und rufe direkt an. Zu Schleuderpreisen von 51 Cent pro Minute mit meinem deutschen Handyvertrag. Man kann die folgenden Gespräche mit ARTE wie folgt zusammen fassen: Entweder es nimmt keiner ab oder die freundliche Dame, die abhebt, fragt durch Warteschleifenmusik überbrückte 2 Minuten nach, ob le responsable denn disponible sei. Ja, ARTE braucht dringend einen Besucherdienst, denn nach weiteren drei Versuchen kommt sie durch, le responsable stellt fest, dass er meine Mail nicht erhalten hat (da kann ich ja lange auf ne Antwort warten) und bittet um eine Kopie.

Ende vom Lied ist die Feststellung, dass weder die räumlichen noch die personellen Kapazitäten ausreichen, eine Gruppe von unserer Größe unterzubringen und zu bespaßen. Ooookay. Gut, Plan B ist auch bereits weg, kommen wir zu Plan C.

Und nun beginnt das, was jeden Reiseplaner wohl an den Rand der Verzweiflung treibt: Meine E-Mail, dass ich langsam mal feste Zu- und Absagen bräuchte, kombiniert mit der Mitteilung, dass ARTE uns nicht empfangen kann ("Haben sie Fragen zum Empfang von ARTE...?" ;) ) führt wohl zu einem Interessentensterben.

Vor meinem geistigen Auge sagen Dutzende, ja Hunderte Teilnehmer ab. Ich bekomme Fluten von Mails von mir völlig unbekannten Menschen, die mir sagen, dass sie zwar nie Interesse gehabt hätten, dass sie jetzt aber wohl auch nie welches haben werden.

Aber, die Absageflut bleibt aus. Meine Prognose von 25-30 Teilnehmern korrigiere ich leicht auf 22-25. Wir wollen mal nicht Augenwischerei bei den Endpreisen betreiben. :)

Weitere zwei Tage ist es ruhig. Dann Tag -10: Langsam will das Busunternehmen eine Bestätigung. Auch die Teilnehmerliste für das EU-Parlament muss abgegeben werden. Zu diesem Zeitpunkt haben gerade mal 5 Leute fest zugesagt. Felix aus Heidelberg erklärt sich bereit, die Liste für dort fertig zu machen und tatsächlich, so langsam sind es mehr und mehr Bestätigungen.

Doch so langsam tröpfeln die Mails ein, die mein inneres Auge bereits voraussah: Im Laufe der nächsten 3 Tage sagen 6 von 25 ab mit den Begründungen "zu teuer", "ohne ARTE ist es langweilig" oder "huch, hab da ein oder zwei Tage danach ne Klausur".

Geht es knapper? Von weiteren 8 habe ich noch keinen Pieps gehört. Ich entschließe mich, sie anzurufen. Und da kommt es mir hoch: Wieso, um alles in der Welt, hat heute jeder mindestens ein Handy, wenn sie oder er einfach nicht dort zu erreichen ist? "Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar...", oder weggedrückt. Bilanz der Telefonaktion: Jetzt habe ich von 8 angerufenen wenigstens 5 definitive Absagen. Geht es sinnfreier? Warum muss ich noch selbst aktiv werden und Geld für nen Auslandsanruf ausgeben, um ne Absage zu bekommen? Können die sich nicht wenigstens auf meine E-Mails mal melden? Ein Dreizeiler genügt doch. Krampf der Informationsgesellschaft. Steffi, sag doch auch mal was, das ist doch grad dein Referatsthema gewesen!

Heute dann endlich: Wir haben 21 Teilnehmer, der Reisepreis ist pro Nase schlappe 5 € (rund 15%) höher als erhofft, aber alles ist unter Dach und Fach. Und wenn dann auch noch ne Führung durch die Sternenwarte klappt, wird alles gut.

Und so hänge ich meine Wäsche auf und überlege mir Fragen an Udo: Kann die EU die Organisation von Bildungsreisen vereinfachen, so wie die Sache mit den Handyladegeräten? Das war ne großartige Aktion! Da haben sie die Industrie bloßgestellt! Hehe. Oder kann das EU-Parlament ARTE ein größeres Gebäude und einen Besucherdienst spendieren? Fragen über Fragen, die ich loswerden will.

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