Einschreibung

weitersagen
Grenoble
"Voilà, t'es inscrit", eine Leichtigkeit lag in diesem Satz. Die Dame, die mir gegenübersaß, ordnete noch schnell meine Akten. Ein ganz einfacher Vorgang, diese Einschreibung. Scheinbar, denn es ist der 15. Oktober und die offizielle Einschreibungsfrist ist seit 18. September abgelaufen.

Wieso das?, fragt sich der geneigte Leser.

Freitag, der 18. September: Laut Information meines Studiengangverantwortlichen ist heute Einschreibung an der école Phelma. Das ist die erste Einschreibung von zweien, da ich dieses Jahr nicht nur Doppeldiplomer sondern auch noch in einem Forschungsmaster bin. Also muss ich mich sowohl an Phelma als auch an der UJF Grenoble, der naturwissenschaftlichen Uni, einschreiben. Heute ist es soweit: Am letzten Tag des Einschreibungszeitraums wurde uns Master-Leuten ein Slot zugewiesen. Eine Einschreibung an einer Uni ist in Frankreich -- halt, ich will nicht für ganz Frankreich sprechen -- ist für Phelma ein staatstragender Vorgang. Wo ich in Darmstadt meine Gebühren überweise und schlicht und ohne Amtsgang in einem Brief meine Immatrikulationsbescheinigung zugeschickt bekomme, wird hier das volle Programm abgespult: Eingabe der persönlichen Daten, Studiengang, Auswahl der Versicherung (die es in 2 Sorten und je etwa einem halben Dutzen Geschmacksrichtungen gibt). Die Beantragung eines Wohnungsbaudarlehens und anschließender Gang zum Standesamt, um ein Neugeborenes anzumelden, sind ähnlich komplex.

Nach einer guten halben Stunde des Wartens komme ich dran. Ja, es gab ein Zeitfenster für die Master-Studis und nein, es hat sich keine Sau dran gehalten. Nächstes Mal gehe ich einfach hin, wann ich will. Nur schade, dass es kein nächstes Mal geben wird.

Die freundliche Dame geht mein Dossier durch. Sie wirkt gelöst und heiter, ich bin im Lasse-seltsame-Administrationssachen-über-mich-ergehen-ohne-mich-zu-beschweren-Modus: Also ebenfalls heiter, gelassen und zum Scherzen aufgelegt.

Nach anfänglicher allgemeiner Verwirrung ("Wie, sie sind ausländischer Student? Wie schreibt man die denn ein?") werde ich nach demselben Rezept behandelt wie Matthias, der mir vor einer halben Stunde entgegen kam mit den Worten: "Muss zum Bezahlen mal eben in die Ave. Félix Viallet."

Der geneigte Leser wird sich fragen: Was will er da? Simple Erklärung: Das offenbar einzige EC-Karten-Lesegerät steht in der Zentrale des INPG, 46 Avenue Félix Viallet, 4. Stock in einem kleinen Büro. Ort unserer Einschreibung: Phelma, Site MINATEC, 3 Parvis Louis Néel, 2. Stock. es liegen also etwa 1000m Luftlinie zwischen Einschreibung und Bezahlung. Wohlgemerkt: Die Quittung wird zum Vollenden des Vorgangs benötigt.

Alles halb so schlimm für mich, denn ich habe das Zahlungsmittel dabei, ohne das man in Frankreich schnell mal aufgeschmissen ist: Einen Chèque.

Kurz und gut, nach x Fragen, etwa ebenso vielen Nachfragen, elender Tipperei und dem Ausfüllen des Chèques wird mir die hochbegehrte Trophäe ausgehändigt: Mein "2008-2009"-Aufkleber wird von meinem Studienausweis geknubbelt und durch einen "2009-2010"-Aufkleber ersetzt. Außerdem bekomme ich auf schmuckem lilafarbenem Kopierpapier meine Immatrikulationsbescheinigungen ausgedruckt.

Fertig. Hat gar nicht weh getan und nur etwa 45 Minuten gedauert (ohne Wartezeit).

Nun folge ich meinem teuflischen Plan: Beide Einschreibungen am selben Tag! Das ist mein Ziel. Denn es pressiert. Denke ich zumindest.

So spaziere ich um das Gebäude herum, über die passerelle, zwei Treppen rauf, zweimal links, über eine weitere passerelle zu eingangs erwähnten Madame. Mit den Worten "Je viens de m'inscrire" und der Erklärung, dass ich mich nun im double cursus auch an der UJF einschreiben müsse, eröffne ich das Gespräch.

Einige Minuten später habe ich einen vierseitigen Einschreibungsbogen und einen Stoß Informationsunterlagen in der Hand. Lila, versteht sich. Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und beginne, die Unterlagen auszufüllen. Wohnort, Geburtsdatum, Beruf der Eltern, "Waren sie schonmal eingeschrieben im Ausland, in Frankreich, an der UJF?", wollen sie sich versichern, wenn ja, wie?, sind sie berufstätig. Irgendwie erinnerten mich die Fragen stark an jene von vor einer Stunde.

Im beigefügten Infoblatt wird mir noch erklärt, dass ich eine Kopie von Krankenversichertenkarte, Personalausweis und ein Passfoto mitbringen solle. Mein teuflischer Plan ist durchkreuzt und so wird sie wohl bis Montag oder Dienstag warten müssen.

Dienstag, 22. September: Mit wehendem Schritt und einem Umschlag mit allen nötigen Dokumenten gehe ich ums Gebäude, ... und treffe Madame. Ob ich ihr die Unterlagen zur Einschreibung geben könne, frage ich.

Nein, dafür bräuchte ich einen Termin. -- Ob ich später nochmal wiederkommen solle? -- Nein, jetzt gerade sei schlecht und den ganzen Tag eigentlich auch. Wann ich denn Zeit hätte? -- Naja, morgen zum Beispiel. -- Gut, Termin morgen 11:30 Uhr.

Ich mache auf dem Absatz kehrt und Madame steckt sich eine Zigarette an. Ach so, das war also der Hinderungsgrund...

Mittwoch, 23. September: Mit wehendem Schritt, allen Unterlagen und einem Termin gehe ich ums Gebäude, über die passerelle, zwei Stockwerke hoch, um die Ecke, über die zweite passerelle ... und halte inne: Sie telefoniert. Gut, denke ich, da wartest du, willst ja nicht unhöflich sein.

Nach einer kurzen viertel Stunde, in der ich Teile des eher privat anmutenden Gespräches durch die Pappwand mitbekommen hatte, legt sie auf. Ich klopfe.

Ich hätte dann alle Unterlagen da, sage ich und reiche ihr mein Dossier. Ein kurzer Blick auf das lila Papier, einer zu mir. "Vous êtes en double cursus?" -- Äh, ja, das bin ich. -- Oh, das täte ihr Leid, aber die kann sie nicht bearbeiten. Sie schicke mir eine E-Mail, wenn es soweit ist.

Leicht genervt und schon seit mindestens einer Stunde nicht mehr im Lasse-alle-Administrationsscherze-über-mich-ergehen-Modus gehe ich.

Und warte.

28. September: Ich wundere mich, warum ich keine Informationen über Verlegungen von Kursen bekomme. Schreibe der für die Praktika zuständigen Frau eine E-Mail, ob denn schlicht keine Infos verschickt würden, oder ob -- was ja nicht das erste Mal wäre -- einfach ein Tippfehler in meiner Adresse den Versand verhindert.

29. September: Ja, dem ist so, das "h" fehlt. Auch bei Matthias hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen, das zweite "t" fehlt.

06. Oktober: Die Mail wegen der Einschreibungen ist immer noch nicht bei mir angekommen. Stattdessen versuche ich seit vier Tagen jemanden zu erwischen, bei dem ich meinen Kurswahlzettel abgeben kann. Ich entscheide mich für den Versand per Mail. Sollen sie doch sehen, dass sie das selbst hinbekommen!

14. Oktober: Langsam wird es mir zu bunt. Keine Sau außer mir scheint sich um die Einschreibung zu kümmern. Mann, bin ich deutsch! Muss alles seine Ordnung haben. Vermutlich reicht es, wenn ich 2012 nachträglich eingeschrieben werde. Ich schreibe eine E-Mail an Madame.

Ihnen sollte eine E-Mail zugeschickt worden sein wegen ihrer Einschreibung. -- Nö, schreibe ich, ob denn meine Adresse im Verteiler stimme. -- Keine Stellungnahme, jedoch der Hinweis, dass ich für die Unterlagen nur vorbeikommen müsse und mir anschließend einen Termin (!) für die Einschreibung geben lassen solle.

Meine Amtshörigkeit ist am Ende. Ich schreibe in einem mit Ausrufungszeichen abgeschlossenen Satz, dass ich doch schonmal deswegen dagewesen sei. -- Ja, vielleicht ("Oui peut être mais..."), schreibt sie mir zurück, aber inzwischen habe sie endlich die Einschreibungsgenehmigung ("autorisation d'inscription") erhalten.

Komisch, ich hatte die schon Ende August oder Anfang September erhalten. Aber das sagte ich ihr nicht.

Einen Termin gab sie mir. Donnerstag, 15. Oktober, 11 Uhr.

15. Oktober: Es ist 10:50 Uhr. Um es endlich hinter mich zu bringen, gehe ich ums Gebäude, über die passerelle, zwei Stockwerke nach oben, zweimal um die Ecke, über die zweite passerelle ... und sage "Salut" zu einem Studi, der bereits wartet.

Er renne, erklärt er mir, schon seit einiger Zeit von Pontius zu Pilatus, um eine Unterschrift von einem Verantwortlichen des CEA zu erhalten, damit er für sein Praktikum endlich Zugang auf das Gelände bekommt. Das ist, wie ich zwei Wochen zuvor bei einer Besichtigung gelernt habe, ein Staatsakt, da auf dem Gelände ein Forschungsreaktor steht. Dieser ist zwar seit einiger Zeit nicht mehr in Betrieb, auch wolle man das Gelände öffnen und erteile ohne weitere Fragen Genehmigungen, zumal für Praktikanten, aber (mais, inzwischen mein französisches Lieblingswort) da ist dann doch noch die Unterschrift.

Ich lasse ihn vor, als der Studi aus dem Büro kommt, der dort wohl auch schon eine halbe Stunde wegen, erraten, einer Einschreibung saß. Er habe schon mit zwei Mitarbeitern des CEA wegen der Unterschrift gesprochen, keiner wollte unterschreiben, sagt er mir noch, dann verschwindet er im Büro.

Nach wenigen Minuten ist Madame am Telefon. Die Sache wird geklärt und mit nur 15 Minuten Verspätung trete ich ein.

Alle Unterlagen habe ich dabei, sogar einen Chèque. Madame nimmt meine Unterlagen, geht sie durch.
"Vous êtes né?" -- "Oui, je suis né", erwidere ich. Vor meinen Augen tippt sie sie in die Verwaltungssoftware ein. Wofür habe ich das von Hand ausgefüllt? Hätte ich ihr auch einfach diktieren, anschließend ausdrucken und unterschreiben können. Pah! Naja, meine Angaben werden vom Programm anstandslos gefressen. Ich freue mich.

Sie drückt mir einen Zettel mit dem vierfachen, ebenfalls lilafarbenen Konterfei von Jean Baptiste Joseph Fourier in die Hand. Meine Immatrikulationsbescheinigung, ich strahle vor Glück.

Mein Passfoto drückt sie mir wieder in die Hand. Ja, der Barcodedrucker funktioniere nicht. Ich solle doch das Passfoto aufheben, sie schicke mir eine E-Mail wegen des UJF-Studienausweises.

Ich bin eingeschrieben. Doch ich bin gebrochen. Gleichgültig und immerhin mit dem Wissen, dass dies meine letzte Einschreibung an einer französischen Hochschule war, verlasse ich das Büro, gehe nicht über die passerelle sondern durch die nur von innen zu öffnenden Flügeltüren, zwei Stockwerke nach unten, über die andere passerelle und um das Gebäude.

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