Der Scheideweg der Parti Socialiste

weitersagen
Grenoble
Es ist ein verregneter Mittwoch, an dem ich mich mit dem Rad zum Messegelände Alpexpo in Grenoble aufmache. Wie ein Geheimtreffen mutet es mir an: Kleine
Plakate mit der Rose darauf weisen den Weg von der Bushaltestelle zum
Konferenzzentrum. Ein Mann vom Sicherheitsdienst, vermutlich ein nordafrikanischer Einwanderer, zeigt mir lächelnd einen Fahrradständer, der überdacht ist. Eine Rose hier, eine Rose da. Der Konferenzsaal, der sich mir präsentiert wird dominiert von einem überdimensionalen Stuhlkreis. In Augenform sind rund 500 Stühle um ein sich bescheiden ausnehmendes Podium herum aufgestellt, an dem Platz für zwei Leute ist. Zwischen den Stühlen stehen drei Kameras mit Blick auf Podium und Publikum. Alles kommt mir vor wie das klassische Magazin- und Showformat im französischen Fernsehen: Das Publikum ist die Kulisse.

"Klatschen wir, wenn Aubry reinkommt?" fragt ein Mann hinter mir seinen Nachbarn. Er scheint nicht sicher zu sein. Neben mir nimmt ein älterer Herr platz. Er erinnert mich an die SPD: Hechelnd und ausgelaugt von den mutmaßlich 200 m die er vom Auto zum Platz neben mir zurückgelegt hat. Sechzig Jahre wird er haben und ein schwaches Herz. Ein Bild, vor dem es mir sogleich gruselt. Ob ich wohl übertrieben habe, mit dem Vergleich?

Ein anderes Bild

Doch auf Fragen bringt er mich, die mich interessieren, seitdem ich vom "Projekt" der PS gehört habe: Wie alt sind die rund 200000 Mitglieder der PS eigentlich im Schnitt? Normal, wie es mir scheint, Alte und Junge gemischt um mich herum. Irgendwie hatte ich da in Karben noch ein anderes Bild, als Frank-Walter Steinmeier vor der Bundestagswahl in der Wetterau vorbeischaute.

Derweil ist Martine Aubry, Vorsitzende der PS, angekommen. Das Publikum klatscht und wer noch im Gang steht, setzt sich langsam. Keine große Ankündigung, keine Inszenierung, nur eine Frau, die auf dem Podium platz nimmt.
Erfahren sieht sie aus und sympatisch. Bürgermeisterin von Lille und wohl die ärgste Widersacherin von Präsidentschaftskandidatin 2007 Ségolène Royale bei den Vorwahlen.

Der Moderator, der inzwischen neben Aubry Platz genommen hat, ergreift das Mikrofon und stellt sich und die freudig gefasst wirkende Aubry neben sich vor. "Ich bin der Moderator", sagt er feixend, "aber ich hoffe ja, dass Sie, die Gäste, heute den Abend in die Hand nehmen werden."
Einen Moment herrscht Stille. Bis Aubry das Wort ergreift.
"La France qu'on aime", heißt das Projekt, das sie mit ruhigen Worten vorstellt, die Tour durch Frankreich, bei dem die PS zuhören will, statt zu reden, Fragen an die Menschen stellen will, statt nur zu antworten.

In derselben Weise, ruhig und gelöst, beendet sie ihre kleine Rede und erinnert das Publikum daran, dass "nicht Gesetzesvorhaben diskutiert werden sollen, sondern darüber, wie man sich gemeinsam die französische Gesellschaft vorstellt."

Konzept ohne Konzept?

Ich bin fasziniert und verwirrt zugleich: Hui, denke ich, das ist ja mal schwammig! Worüber wollen die diskutieren? Kein Diskussionsthema, nur "die Gesellschaft", das Motto des Abends "La France qu'on aime". Sinngemäß übersetzt: Frankreich wie wir es lieben. Keine kontroverse Überschrift, keine Experten, die sich gegenseitig mit Zahlen bewerfen. Ist am Ende der Polit-Talk nicht das einzig wahre Format politischen Diskurses? Wagen sie es etwa, das Volk zu fragen? Diejenigen, von denen, zumindest in Deutschland, zehn Jahre niemand etwas wissen wollte.

"Wir werden den Abend in drei Teile teilen", gibt der Moderator den Plan vor, "Als erstes 'Was zählt für mich persönlich?', dann sprechen wir über die 'Themen der Veränderung' und zu guter letzt sagen Sie 'Was sind die Trümpfe Frankreichs?'" Aber zunächst solle ein kleines Video einige Gedanken zeigen, die von Menschen auf den Straßen gesammelt wurden.

Dieses Video, vielleicht nur ein Marketing-Gag, erregte meine Aufmerksamkeit: "Was Frankreich für mich bedeutet?" fragt da ein junger Mann, "Naja, schöne Frauen ... (das Publikum lacht, Bingo) ... schöne Strände ..." Wieder giggeln die Zuschauer, doch nach und nach wird das Video ernster.

Da sprechen Menschen von Solidarität, davon dass Frankreich das erste Land war, das offiziell die Sklaverei abgeschafft hatte, von Bildung und Immigration. Ein junger Mann von 21 Jahren erzählt, dass er arbeitslos ist und ihm nicht geholfen wird. Ein anderer fordert, dass mehr für die Umwelt getan wird und dass man endlich wieder mehr Geld haben sollte und zwar schnell.
"Was würde ich verändern? Na, den Präsidenten, zuallererst." ... Lachen in der Runde ... "Und wir sollten damit aufhören, immer nur vom internationalen Terror zu reden." Als schließlich jemand die Gier von Managern kritisiert, klatschen die Zuschauer laut Beifall.

"Was kann ich für euch tun?"

Als das Video zuende ist, sind schon drei oder vier Mikrofone im Publikum verteilt. Ein Junge, vielleicht 20 Jahre alt, steht auf und ergreift das Wort. Er stellt sich vor und verhaspelt sich sofort. Aufgeregt, aber nicht klein, sagt er: "Entschuldigung, aber ich spreche normalerweise nicht vor so vielen Leuten."
Er fährt fort, erzählt von seinem Grenobler Vorort, davon dass der Bürgermeister von Grenoble bei ihm um die Ecke wohnt und von Politikern und Aktiven, die vorbei kommen und fragen, was sie, die Politiker, für die Menschen tun sollen.
Dass er die Frage dämlich findet, sagt er, und dass er von ihr, er zeigt auf Aubry, wissen will, was er für sie machen kann.

'Was ist jetzt los!?' frage ich mich. Ich hätte Kritik erwartet, lautes Auftreten über die Politiker, die nur reden, statt was zu tun. "Warum zerfleischt ihr euch bei der PS?" hätte ich erwartet. "Warum seid ihr nicht linker/rechter/mittiger/pragmatischer/dogmatischer?", mit solchen Fragen hätte ich gerechnet. Aber weit gefehlt.

Ich denke an die Debatten nach der Agenda 2010, wo linke mit rechten, rechte mit Netzwerkern, Netzwerker mit linken, gestritten haben. Wo es um die Position im komplexen politischen Koordinatensystem der Berliner Republik ging. Wo sich linke von rechten Jusos distanziert haben, bis hin zur vollkommenen Kommunikationssperre. Und dieser Junge redet davon, dass ihm jemand sagen soll, wie er mitarbeiten kann?

Und das an eine linke Partei in Frankreich. Einem Land, in dem die politische Linke zersplittert ist, wie sonst fast nirgends. Einem Land, in dem es 2007 je nach Zählweise sechs bis acht linke Präsidentschaftskandidaten gegeben hat.
Und in diesem Umfeld, wo sich Versprechen mit Geschrei, Polemik mit Populismus mischen, wagt die PS einen großes Schritt. Riskant, wie Le Monde seit Monaten schreibt, aber groß ist dieser Schritt, sich zu öffnen. Gemeinsame, sozusagen linke Vorwahlen zu versuchen.

Es bleibt zu beobachten, wie sich dieses Experiment entwickelt. Natürlich in der Angst, in der Menge oder dem Gemenge der linken Parteien unterzugehen. Natürlich getrieben aus der Verzweiflung gegen einen übermächtigen Sarkozy anzukämpfen, ist dieses Projekt. Einem Politiker, der vermeintlich klassisch linke Themen einzunehmen versteht. Der sich mit Law and Order profiliert, der den Macher gibt, den Könner. Den Präsidenten, der Frankreich in den Wogen der Globalisierung über Wasser hält. Erinnert mich alles ein bisschen an die Frau aus der Uckermark.

Den Blick nach vorn

Als der letzte Wortbeitrag zuende ist, fasst Aubry den Abend zusammen. Jetzt hat sie einen kämpferischen Ton. Mit dem Verweis auf die Krise der europäischen Sozialdemokratie greift sie den Beitrag eines Schülers auf, der gefordert hatte, dass die Linken bei den Europawahlen endlich mit einer gemeinsamen Liste antreten sollten. Frankreich sei nicht mehr ohne Europa zu begreifen und lernen müsse man voneinander. Von Merkel zum Beispiel, die mit der Kurzarbeit Deutschland vor einer Welle der Arbeitslosigkeit bewahrt habe. Diese Sicht von einer französischen Sozialistin: Es scheint, als habe Merkel die SPD im Ausland überstrahlt, als gäbe es die deutsche Sozialdemokratie gar nicht mehr.

Am Ende ihrer Rede bleibe ich nachdenklich noch eine Weile sitzen. Menschen strömen nach vorn zum Podium. Sie werden mehr als nur einen Abend brauchen. Wahrscheinlich eher ein ganzes Jahr der Diskussion und Debatten. Aber die Menschen, an denen ich beim Hinausgehen vorbeikomme, scheinen zufrieden. Einzig das Wetter ist anderer Meinung: Es regnet. Mist, denke ich, das Wetter mag heute keine Sozialisten. Jedenfalls nicht solche, die mit dem Fahrrad gekommen sind.

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