Reisezeit

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Sunday, February 28. 2010
Southampton
Mein Zimmer ist in eine Handvoll Pappkisten, Säcke, Tüten und Taschen verpackt und im Auto verstaut. Das Zimmer, diese winzige Zelle, die für anderthalb Jahre mit nur 3 Monaten Unterbrechung mein Zuhause war, ist leer, weiß, nackig und es hallt.
In Griesheim und beim Auszug aus meinem Zimmer bei meinen Eltern hat mir das Leid getan. Aber hier nicht. Zu sehr haben mich die von meinen hirnlosen Zeitgenossen vollgepinkelten Klobrillen, die Haare auf Boden und Wänden der Duschen, die Duschen an sich (diese schimmligen Gummizellen) und die Tatsache, dass die Wände aus Pappe ist und man jeden Husten des Nachbarn hört, als stünde er neben einem, von Besuchen von Freund oder Freundin mal ganz abgesehen, genervt.
Nein, der Houille Blanche trauere ich keine Träne nach. Sie ist, nach allem, was ich gesehen habe, das beste (bezahlbare) Wohnheim in Grenoble. Aber ich bin froh, in Southampton in eine WG zu ziehen und darauf freue ich mich.

Worauf ich mich nicht freue: runde 1600 Autobahn-Kilometer in 6 Ländern. Umziehen nervt. Wo bleibt der Teleporter?

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Ende einer Woche

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Friday, July 24. 2009
Strasbourg
Eine Woche eingeramt und durchzogen von seltsamen Momenten. Aber eben ohne dass es dabei ein so herausragendes Ereignis gegeben hätte, um gesondert darüber zu schreiben.

Die Woche hatte ihren ersten seltsamen Moment am Sonntag, als meine liebe Freundin Steffi mich fragte, warum mein Wecker denn von "Tag 50" spräche. Tag 50???
Ja durchaus. "Da steht 'Day 50'." Sagt sie und schaut sowohl stolz auf ihre Entdeckung als auch von morgendlicher Müdigkeit belastet drein. "Da steht SO wie Sonntag." antworte ich promt. "Oh." quittiert sie und ihr Stolz weicht totaler Verwirrung.

Dabei hatte sie Recht! Kurzes Nachzählen im Kalender ergibt, dass ich, wenn ich den Tag meiner Ankunft in Strasbourg (Sonntag, 31. Mai) mitzähle, an jenem Sonntag genau 50 Tage in Strasbourg war. Wow! Seltsamer Zufall. Da könnte man fast abergläubig werden und an den Großen Solarwecker glauben, der die Welt in sieben Schlummerphasen aufweckte.

Nein, dafür bin ich zu sehr mit der Realität verbunden. Stattdessen freue ich mich über das gelungene Wochenende mit Steffi, darüber dass der neue Harry Potter zwar lang, seltsam und düster aber doch ganz nett zu gucken war (tolle Tropfen-Tinte-in-Wasser-Effekte) und über die Tatsache, dass sie noch bis Montag geblieben ist.

Als ich sie vor der Arbeit zum Bahnhof begleite, ist es irgendwie das angenehme Gefühl, sie nur "mal eben" heimfahren zu sehen. Nicht wie in Grenoble, wo sich die Abfahrt für mich immer wie Weltreise anfühlt.


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Wieder da und doch nicht ganz

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Thursday, June 25. 2009
Strasbourg
Auf dem Heimweg hatte ich mich innerlich schon fast mit dem Verlust meines Fahrrads abgefunden. Wie dreist, einfach das Schloss zu durchschneiden und es mitzunehmen, aber ich hatte schon einen vielversprechenden Nachfolger gefunden: Alt, gut in Schuss und 25 € günstig.

Wie in Gedanken ging ich also von der Straßenbahn ausnahmsweise nicht den kürzeren Weg am Campus entlang sondern an den Boule-Spielern vorbei durch die Parallelstraße. Neugierig sah ich nach einem Fahrrad, das meinem von weitem ähnelte: Silberner Rahmen, die Überreste der Korbhalterung noch vorn.

Ich dachte, ich seh nicht richtig: Da steht mein Fahrrad! Mein Fahrrad, mit dem kaputten hinteren Schutzblech und dem platten Vorderreifen. Doch was ist das? Ein dickes, geradezu hermetisches Sicherheitsschloss hält es am Fahrradständer fest.

Zügigen Schrittes gehe ich heim, greife zum Telefon und wähle die Nummer der Police Municipale: Ja, mein Rad sei geklaut worden und nun habe ich es, angeschlossen, ein paar hundert Meter weiter wiedergefunden. Was tue ich da? -- Die Polizei (Telefonnr. 17) anrufen, sagt mir die freundliche Frau am anderen Ende der Leitung.

Gut, dann mache ich das doch. Mit dem Handy und einem A4-Ausdruck des Fotos meines Fahrrads, das ich gestern hier auch online gestellt habe, bewaffnet gehe ich zur Straßenecke und was finde ich vor? Die Polizei ist schon da.

Nicht wegen meines Fahrrads, soviel ist klar. Ich frage nach, erkläre, was passiert ist und zeige das Foto zum Beweis. Der Beamte glaubt mir, greift zum Funkgerät und fragt nach, wo die große Zange ist (la pince "Seigneur"). Er führe jetzt los, sagt er mir, aber in ein paar Minuten kommt entweder er oder Kollegen wieder, die mir das Rad entketten könnten.

In der Tat (und nach einem netten Gespräch mit einer und einem Obstverkäufer/in aus dem Laden nebenan) kommt ein Polizeiauto mit drei Beamten vorgefahren. Wieder erkläre ich den Sachverhalt und der Chef sagt "Coupe!" und der jüngere setzt die Zange an. Die dritte Polizistin zückt die Kamera: Männer bei der Arbeit.

Doch dann die Ernüchterung: Verdammt, das Schloss ist widerspenstig! Ein Stahlseil ummantelt mit Metallringen. Die Zange schafft es durch die Ringe, aber gegen das Seil ist sie machtlos. Nach drei Versuchen mit der, zugegeben schon etwas mitgenommenen Zange, geben die Polizisten auf und raten mir, mich nach einer kleineren, für Seile geeigneten Schere umzusehen und es selbst aufzumachen.

Ein bisschen enttäuscht von der Zange (Was wenn ich mal in nem Auto klemme? Sagen die dann nach drei Versuchen auch: "Da können wir nix machen, schauen sie mal, ob sie ne andere Zange finden und sich selbst freischneiden können." ???) und verwirrt: Muss ich jetzt mein eigenes Fahrrad zurückklauen? Wo bin ich denn???

Ich frage in den Geschäften und Bars und schließlich gibt mir ein Wirt (ein netter, aber kurz angebundener Inder oder Pakistani) einen Hammer und zwei Schraubenzieher und ein leicht nach Bier riechender Franzose (wie er im Bilderbuche steht :) ) bietet seine Erfahrungen aus Schulzeiten an.
"Ben, je vole pas des vélos, mais je peux l'essayer." (Ich stehle keine Fahrräder, aber ich kann's ja mal versuchen) sagt er, schaut sich das Schloss an und versucht es mit seinem eigenen Fahrradschlüssel aufzumachen. Der Erfolg: Kaputter Schlüssel.

Nun setzt er Hammer und Schraubenzieher auf das Schloss an. Ein in Anzug gekleideter Afrikaner kommt vorbei und probiert es auch mal, aber das Schloss bleibt zu. Zuletzt versuche ich, das Schloss durch wildes Draufschlagen zum Zerbrechen zu bringen.

Was soll ich sagen. Nach über einer Stunde, zwei von zwei kaputten Schraubenziehern und einem arg demolierten Schloss, gebe ich auf. Ich bringe den Hammer zurück, versuche dem Wirt soetwas wie Wiedergutmachung für die kaputten Schraubenzieher anzubieten, doch er lehnt ab, und begutachte unser Werk.

Zwei Polizisten mit pince Seigneur, zwei Passanten, ein Hammer, zwei Schraubenzieher und meine Wenigkeit haben das Schloss so zerstört, dass, wer immer es an das Fahrrad drangemacht hat, es mitnichten wieder aufbekommen wird. Außer, sie oder er hat zufällig einen Bolzenschneider dabei.

Morgen werde ich mir eine Metallsäge und ein neues Schloss kaufen und es nochmal probieren... sofern es morgen auf dem Weg zur Straßenbahn noch dasteht. Putain!

Ein Nachruf auf mein Fahrrad

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Tuesday, June 23. 2009
Strasbourg
Du bist keine Schönheit und auch nicht sonderlich belastbar. Deine Kette lies mich schon im Stich, du hast mehr Glühbirnen verbrannt als jedes andere Rad vor dir und du fielst immer um. Dein Lenkerkorb machte mich wahnsinnig und du hast mich schon im Stehen abgeworfen.

Du hast die Alpen gesehen und mich (mehr oder weniger) sicher durch Grenoble getragen. Mit dir habe ich Strasbourg erkundet und du hast die A5 von Basel bis Rosbach kennengelernt. Du warst Tag und Nacht für mich da und begnügtest dich mit Fahrradständern in strömendem Regen oder einem dunklen Heizungsraum.

Ja, du warst ne doofe Tretmühle, aber du fehlst mir! Und wenn ich das Pack erwische, das dich geklaut hat, dann kriegen die so richtig Ärger! Welches hirn- und herzlose Etwas hat dich geklaut? Organisiert, mit Bolzenschneider das Schloss durch und entführt. Verschachern werden sie dich, wie Vieh, an den nächsten armen Studi, dem sie dich in ein paar Monaten wieder klauen werden. Traurig.

Deswegen werde ich dich suchen und solange hoffe ich, dass du gut behandelt wirst.
Kaltblütig durchschnittenes Fahrradschloss.
Mein Fahrrad

Strasbourg, Mensa, Meditation

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Thursday, June 11. 2009
Strasbourg
Nach zwei Wochen des allgegenwärtigen Chaos kehrt wieder etwas Ruhe in mein Leben ein.
Inzwischen bin ich in Straßburg angekommen, habe schon am 1.6. mit total verschnupfter Nase eine Radtour -- oder vielmehr eine Aufsteigen-Rollen-Absteigen-Foto-machen-Tour -- gemacht.

Nahe der Haltestelle République.


Straßburg ist genial! Tja, klingt jetzt doof, dass der Wahl-Grenobler das sagt, aber gegen Straßburg ist Grenoble erstens wie ein Loch (nach 500m ist die Haussmannsche Innenstadt zuende und es beginnt der Betongürtel, in Straßburg ist das anders!) und zweitens ist hier alles breiter, entspannter und irgendwie schöner.

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Weit und breit keine Streikbrecher

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Tuesday, May 26. 2009
Grenoble
Ouf, mittendrin im Klausurenstress und -chaos. Wie seltsam umständlich ein einfacher Posterausdruck werden kann, habe ich heute erlebt: Letzte Korrektur meinerseits um 22 Uhr losgeschickt. Antwort um 0:46 Uhr, wo ich natürlich nicht mehr nach Mails schaue.
Am nächsten Morgen dann: Wie? Nicht mehr gelesen? Doof. Hast du denn den Laptop dabei, ums zu ändern? Nein? Oh.
Naja, kann natürlich passieren. Wenn dann noch das verwendete Programm (Scribus) mal eben zwischen Version 1.3.4 und 1.3.5 das Dateiformat ändert, muss man ewig frickeln, dass es überhaupt geht. Ahhh!
Genau eine Minute vor Vorstellungstermin stürze ich also mit dem endlich, endlich fertigen Plakat in den Raum. Was ist, wenn du in dich gehst und keiner ist da? Und was ist, wenn du der einzige deiner Gruppe bist, bei der Vorstellung?
Nach fünf Minuten trudeln Corentin und Lutz dann ein. Ebenfalls mit einem Poster, das aber mit einer Schneidemaschine zugeschnitten wurde. Ich finde, meines sieht schöner aus. Da habe ich die Schnittkanten mit meiner eigenen Hände Arbeit gemacht.

Als es fertig ist, denke ich mir: Halb so schlimm gewesen. Andererseits kenne ich meine Note noch nicht. Und während in Darmstadt mein Gefühl meist schlechter als das eigentliche Ergebnis war, tendiert es hier zum Gegenteil.
Die morgige Klausur Physico-chimie des Matériaux macht es nicht besser: runde 200 Seiten Blätterwirtschaft mit sehr wechselhafter Erklärungsdichte. Und das alles (Fehlstellen und ihre Ausbreitung im Kontinuum sowie Eigenschaften, Anwendung und Erstellung von Phasendiagrammen) in einer zweieinhalb Stunden-Klausur? Mmmm, bei Cristallographie, Statistischer Physik und Nanophysik war ja schon eine seltsam große Lücke zwischen angebotener Vorbereitung (Vorlesung und Übungsmaterial) und der tatsächlichen Klausur aufgetreten. Was dann physico-chimie bringen mag, will ich gar nicht wissen...

Ach und wie war das mit den Streiks? Im Allgemeinen können die ÖPNV-Mitarbeiter streiken, soviel und wann sie wollen. Nur, wenn ich kein Fahrrad habe und wegen der Klausuren auf Pünktlichkeit angewiesen bin, fängt es schon an zu nerven. Denn: Seit drei Wochen geht es so! Bestreikt wird jede Linie zwischen 8 und 9:30 Uhr und zwischen 16 und 18 Uhr. Als Tagesmenü wird dann, vollkommen unangekündigt, jeden Tag eine Linie komplett bestreikt.

Und da komme ich dann in einen Gewissenskonflikt: Eigentlich befürworte ich Arbeitskampf, insbesondere wenn er gegen Lohnkürzungen und Stellenstreichungen geht. Aber verdammt nochmal: Könnt ihr das nicht so machen, dass ich nicht anderthalb Stunden vor der Klausur losfahren muss???

Einmal Europa und zurück

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Wednesday, April 22. 2009
Grenoble
Reisen. Manchmal frage ich mich, warum ich reise. Zum Beispiel: Jeden Morgen in diesem Frühling habe ich auf der Reise von meiner Résidence zur Ecole ein zweites Frühstück. Eine gute Million Mückenviecher hält sich auf den Radwegen auf. Keine Ahnung warum. Vielleicht, weil es da so schön schattig ist. Oder vielleicht sind sie Fans der Tour de France, Radsportfreaks. Und so wollen sie den Radfahrern so nah sein wie möglich: In der Nase, im Auge, im Mund und in den Ohren.

Also, warum reise ich?
Vielleicht, um erzählen zu können. Zum Beispiel von Bonn.



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